18. Mai 2017 / 08:10 / vor 4 Monaten

HINTERGRUND-Afghanistans Polizei - Verkehr regeln statt Krieg

Afghan policemen inspect vehicles at a checkpoint in Helmand province, Afghanistan, February 28, 2017. Picture taken on February 28, 2017. REUTERS/Abdul Malik

Masar-i-Scharif (Reuters) - Lachend deutet Oberstleutnant Mohammad Adschaan auf den Schilderwald, der den Verkehr auf dem eigentlich für Kinder gedachten Spielteppich regeln soll.

Auf einer aus grünem Garn gewobenen Wiese steht ein Spielzeug-Esel, daneben ragt am Straßenrand das dreieckige Warnschild in die Höhe, das Autofahrer am Hindukusch auf die Gefahr von Grautieren auf der Straße aufmerksam macht. Rund um den Teppich liegen Dutzende weitere Schilder sorgfältig aufgereiht. Nur ganz aus der Nähe ist zu erkennen, dass alle selbstgebastelt sind - jede Zahl, jeder Pfeil und jedes Pferdefuhrwerk ist mit unendlicher Geduld aus Papier ausgeschnitten oder von Hand aufgemalt.

Das Klassenzimmer, das Oberstleutnant Adschaan an der Polizeischule in Masar-i-Scharif so stolz präsentiert, ist auch ein Symbol: Nach Jahren im Krieg hofft die afghanische Polizei darauf, sich endlich ihren zivilen Aufgaben wie der Überwachung der Verkehrsregeln widmen zu können. “Eigentlich ist es die Hauptaufgabe der Polizei, in den Städten für Sicherheit, Recht und Ordnung zu sorgen und Verbrechen dort zu bekämpfen”, sagt Adschaan, der das Büro des Schulkommandeurs leitet. “Aber weil wir im Krieg leben, kämpft die Polizei im Moment noch an der Front gegen die Aufständischen. Ich hoffe, dass wir eines Tages eine Lage haben, wo die Polizei ihrer Hauptaufgabe in den Städten nachgehen kann.”

EIN BLAUER BESCHWERDEKASTEN ALS NEUERUNG

Die Polizeischule, eine von elf im ganzen Land, liegt auf einem schwer gesicherten Gelände außerhalb von Masar-i-Scharif. Anders als in den übrigen zehn Schulen werden hier aber keine einfachen Polizisten ausgebildet, sondern Unteroffiziere für Positionen, die in Deutschland mit dem mittleren Dienst vergleichbar sind. “Sergeant Training Center” heißt die von den Deutschen aufgebaute und unterstützte Einrichtung. Unter Schleppdächern parken dunkelgrüne Ford-Pritschenwagen mit dem Logo der Polizei, zwischen langgestreckten niedrigen Gebäuden erstrecken sich geschotterte Appellplätze und Rasenflächen mit Hindernisbahnen.

Unter einem riesigen Plakat, auf dem der neue Schulkommandeur General Mohammad Jussuf Nasari und der Gouverneur der Provinz Balch, Mohammed Atta Nur, beim Plausch abgebildet sind, steht eine Art blauer Briefkasten mit Vorhängeschloss. Die Beschwerdebox ist eine Neuerung, die General Nasari eingeführt hat - und auf die Adschaan ebenfalls sehr stolz ist. Immerhin ist es in Afghanistan vielerorts nicht selbstverständlich, dass einfache Polizisten oder Soldaten anständig behandelt werden. Der simple blaue Kasten ist damit ebenfalls ein Symbol.

“DASS TÄGLICH POLIZISTEN STERBEN, IST HIER VÖLLIG EGAL”

Frank Arnolds ist einer der deutschen Polizisten, die die Polizei in Masar-i-Scharif beraten. Mit seinen Kollegen bemüht er sich, die Afghanen fit für einen zivileren Dienst zu machen. Das fängt bei der Ausrüstung an: So versorgen die Deutschen ihre Kollegen etwa mit Warnhütchen, Blinkleuchten und Warnwesten. “Die Ausrüstung liegt überall im argen, die Afghanen laufen im Winter teils mit Sommeruniformen rum”, berichtet Arnolds. Richtige Schutzwesten seien bei den wenigsten zu sehen. Das Thema Eigensicherung sei schwierig. “Da denkt hier überhaupt keiner dran (...) Wenn in Deutschland ein Polizist erschossen wird, wird bundesweit Trauerflor an den Autos angebracht”, sagt der deutsche Polizist. “Ich weiß nicht, wie viele Polizisten hier täglich sterben. Das ist hier völlig egal.”

Seit dem weitgehenden Abzug der internationalen Kampftruppen 2014 sind die radikalislamischen Taliban in Afghanistan wieder auf dem Vormarsch. Nach US-Angaben kontrollieren die Regierungstruppen mittlerweile nur noch knapp 60 Prozent des Landes, vor einem Jahr waren es immerhin noch mehr als 70 Prozent. Und die afghanischen Sicherheitskräfte zahlen einen hohen Blutzoll: 2016 wurden mehr als 6700 Soldaten und Polizisten getötet, über 11.000 verwundet. Im April starben allein bei dem schweren Anschlag auf das Hauptquartier der Armee in Masar-i-Scharif mindestens 140 Menschen.

Vieles, was für die Menschen in friedlichen Ländern wie Deutschland ganz normal ist, existiert am Hindukusch bisher nicht. Dazu zählt etwa eine Einsatzzentrale, die Notrufe zentral bearbeitet. “Die 119 ist die Notrufnummer, aber bisher kommt man da bei der Vermittlung raus”, berichtet Arnolds, der gemeinsam mit seinen Kollegen derzeit die Einrichtung einer Notrufzentrale für Balch plant. Sie könnte zur Mustereinsatzzentrale für das ganze Land werden.

AFGHANEN WÜNSCHEN SICH POLIZEI-AKADEMIE

Oberstleutnant Adschaan an der Polizeischule ist dankbar für die Hilfe der Deutschen. “Wenn wir die Probleme selbst lösen können, lösen wir sie selbst”, sagt er in seinem Büro. “Wir wissen, dass die Hilfe unserer Freunde nicht endlos dauern kann. Aber solange Afghanistan im Krieg ist, brauchen wir die Unterstützung unserer deutschen Freunde noch.”

Für die Zukunft hat Adschaan allerdings noch eine weitere Bitte an die Deutschen: Er wünscht sich die Einrichtung einer Polizei-Akademie auf dem Schulgelände. “Nach der Ausbildung hier gehen die Polizisten in ihre Einheiten”, sagt Adschaan. “Wir würden uns wünschen, dass sie irgendwann zurückkommen können, sich weiterbilden und dann hier ihren Bachelor oder Master machen können.”

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