Ausland | Sonntag, 20. Januar 2013, 16:38 Uhr

Geiseldrama in Algerien endet mit mehr als 55 Toten

Algier/In Amenans Mehr als 55 Tote sind die dramatische Bilanz des Geiseldramas in der Sahara, das die algerische Armee nach vier Tagen mit der Erstürmung der besetzten Erdgasanlage am Wochenende beendet hat.

Die Zahl der bislang angenommenen 23 getöteten Geiseln werde wohl noch steigen, sagte Kommunikationsminister Mohammed Said am Sonntag der amtlichen Nachrichtenagentur APS. Unter den Opfern seien vermutlich bis zu sechs britische Staatsbürger, sagte Großbritanniens Premierminister David Cameron. Frankreich verteidigte den Einsatz der algerischen Armee, nachdem sich mehrere betroffene Regierungen verärgert darüber gezeigt hatten, dass sie vorab nicht darüber informiert worden waren. 107 ausländische und 685 algerische Geiseln überlebten nach Angaben der algerischen Regierung.

Zu dem Überfall hat sich einem Pressebericht zufolge im Namen von Al-Kaida mittlerweile der Islamisten-Anführer Mochtar Belmochtar bekannt. Das gehe aus einem im Internet veröffentlichten Video hervor, meldete die mauretanische Nachrichten-Website Sahara Media. Die Informationen waren nicht überprüfbar, da das Video auf der Seite nicht gezeigt wurde. Belmochtar ist ein islamistischer Untergrundkämpfer, der schon gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan gekämpft hatte und der eine eigene Gruppe in der Sahara gebildet haben soll.

Die Extremisten hatten sich seit Mittwoch in der Gasförderanlage mitten in der Sahara verschanzt. Sie forderten ein Ende des französischen Militäreinsatzes gegen islamistische Rebellen in Mali. Einen Tag später griff die algerische Armee ein, doch erst am Samstag konnten sie die Geiselnehmer endgültig überwältigen. Nach Berichten der amtlichen Nachrichtenagentur Algeriens APS begannen die Soldaten ihren Entscheidungsschlag, weil die Extremisten sieben weitere ausländische Geiseln getötet hätten.

Der norwegische Energiekonzern Statoil, der zusammen mit der britischen BP und Algeriens staatlicher Ölfirma Sonatrach die Anlage betreibt, vermisst noch fünf norwegische Mitarbeiter. Auch der Verbleib von japanischen und amerikanischen Arbeitern ist noch unklar. Ein Amerikaner sei sicher ums Leben gekommen, hieß es. Die Armee habe mittlerweile 25 Leichen in der Anlage entdeckt, bei denen es sich vermutlich um Geiseln handele, berichtete der private algerische Fernsehsender Ennahar am Sonntag.

FRANKREICH VERTEIDIGT ALGERIENS EINSATZ

Für ihr gewaltsames Vorgehen, das international offenbar nicht abgestimmt war, erntete Algerien Kritik aus mehreren Ländern, darunter Japan. US-Präsident Barack Obama sagte am Samstag, die USA wollten von den algerischen Behörden genaue Informationen, was sich genau zugetragen habe. Die Schuld für die Tragödie liege aber bei den Terroristen, die sie verursacht hätten.

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius verteidigte das Vorgehen des nordafrikanischen Landes. Die Zahl der Todesopfer sei zwar "sehr hoch" gewesen, aber die Behörden hätten sich einer "untragbaren Situation" gegenüber gesehen. "Es ist leicht zu sagen, dass dies oder das hätte getan werden müssen", sagte Fabius am Sonntag dem Radiosender Europe 1. "Sie hatten es mit Terroristen zu tun." Auch Cameron betonte, Algerien habe Anerkennung für seinen Kampf gegen Islamisten verdient.

Vor allem Frankreich ist bei seinem Militäreinsatz gegen Rebellen im Norden Malis auf die Unterstützung Algeriens angewiesen. Algerien hat Frankreich die Nutzung seines Luftraums sowie die Absicherung der 1000 Kilometer langen Grenze zu Mali zugesagt.

DEUTSCHE NACH LONDON AUSGEFLOGEN

Unter den Geiseln seien keine Deutschen gewesen, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle am Sonntag in Berlin und zeigte sich zugleich bestürzt über die vielen Opfer. Die Tat zeige das grausame Gesicht des islamistischen Terrors. "Es sind keine Freiheitskämpfer, sondern es sind Terroristen, es sind Kriminelle, die auch vor dem Leben von Unschuldigen keinen Respekt haben", sagte Westerwelle. Zwei deutsche Staatsangehörige, die im Gebiet von In Amenas für eine Bohrfirma gearbeitet hatten, seien glücklicherweise nicht als Geiseln genommen worden und in der Nacht zum Sonntag in London angekommen.

Nach Angaben des algerischen Kommunikationsministers Said hatten die Extremisten sechs verschiedene Nationalitäten. Unter den 32 toten Islamisten sei vermutlich auch der Anführer, Abdul Rahman Al-Nigeri, ein Nigerianer, der Belmochtar nahe stand. Algerische Behörden vermuten, dass die Geiselnehmer unter den Hunderten algerischen Arbeitern der Anlage möglicherweise Verbündete hatten.

Auch wenn die Extremisten die Verbindung zum französischen Militäreinsatz in Mali herstellten, gilt es als sehr wahrscheinlich, dass der Überfall auf die Gasförderanlage In Amenans bereits vor der französischen Intervention geplant wurde. Militante Gruppen haben bereits Millionen an Lösegelder durch Geiselnahmen in der Sahara erpresst.

US-Verteidigungsminister Leon Panetta drohte unterdessen den Islamisten mit einem Eingreifen der Vereinigten Staaten. "Wir haben es zu unserer Sache gemacht, Al-Kaida zu verfolgen, wo auch immer sie sind und wo auch immer sie sich zu verstecken versuchen", sagte er während eines London-Besuchs. "Wir haben das in Afghanistan getan, in Pakistan. Wir haben es in Somalia getan, im Jemen und wir werden es auch in Nordafrika tun."

X