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Ausland | Montag, 12. November 2012, 13:51 Uhr

FEATURE-Ungleichheit setzt chinesische Führung unter Druck

Yangchang Das Dach auf dem Haus der Familie Yang hat schon Risse und wird nur noch von ein paar wackligen Baumstämmen gehalten.

"Wir können uns kaum Essen leisten, geschweige denn unser Haus reparieren", sagt Yang Hechun. Vor kurzem zog sie mit ihrem Mann von der chinesischen Küste wieder in das Bergdorf im Südwesten des Landes. Dort kümmern sie sich um eine kranke Großmutter und zwei kleine Kinder. "Wenn wir Geld haben, geben wir es gleich wieder aus", sagt Yang bei einer Mahlzeit aus Reis, Sprossen, Erdnüssen und Tofu.

Der Widerspruch könnte kaum größer sein zu den Erfolgen, die die Kommunistische Partei auf ihrem 18. Parteitag feiert. Das karge Leben der Yangs und Millionen anderer Chinesen haben der Status als wichtigste Exportnation und zweitgrößte Wirtschaft der Welt sowie die immensen Währungsreserven im Wert von 3,2 Billionen Dollar nur wenig verändert.

Die neuen Machthaber in Peking stehen vor einer großen Herausforderung: Sie müssen das Wirtschaftswachstum beibehalten, die Korruption bekämpfen, die Ungleichheit zwischen Armen und Reichen angehen und das Volk von der KP-Herrschaft überzeugen.

Der scheidende Präsident Hu Jintao mahnte am Donnerstag seine Nachfolger vor allem, die Korruption zu bekämpfen und bekräftigte das Ziel, dass sich die Einkommen der Chinesen innerhalb von zehn Jahren verdoppeln sollen. Die meisten Experten sind sich einig, dass die Führung nur mit Reformen eine Stagnation und soziale Unruhen verhindern kann. Unzählige Chinesen müssen jeden Tag wie die Yangs um ihr Auskommen kämpfen - in Dörfern, Großstädten, in Hochschulen oder Fabriken.

WENIGER ALS EIN EURO AM TAG

Dabei wurde das Dorf der Yangs in der Provinz Guizhou schon 1988 zu einem Modellprojekt für die Bekämpfung der Armut auserkoren. Damals war Präsident Hu Parteichef der Provinz. In der einst abgelegenen Region wurden Straßen, Brücken und Stromleitungen gebaut. Yang Hechun sagt, dass sich ihre Lebensumstände in den vergangenen zehn Jahren verbessert hätten. Aber die Familie hat noch immer kein fließendes Wasser. Die Kosten für Essen, Schule und Gesundheit brauchen das wenige Geld auf, das sie mit dem Anbau von Chilischoten und Mais auf einem winzigen Hof verdient.

Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen müssen 13 Prozent der Chinesen mit umgerechnet weniger als einem Euro am Tag auskommen. Und Guizhou ist das chinesische Armenhaus: Nirgendwo sonst ist das Pro-Kopf-Einkommen so niedrig wie hier.

Dabei versucht die Staatsführung, den Ärmsten zu helfen und gab dafür in den vergangenen fünf Jahren landesweit umgerechnet über 50 Milliarden Euro aus. Fast alle Haushalte erhalten Sozialleistungen wie eine einfache Krankenversicherung.

Doch das Wohlwollen der Bevölkerung hält sich wegen der grassierenden Korruption in Grenzen. Landesweit wurden in den vergangenen fünf Jahren über eine halbe Million einfache Beamte wegen Verstößen wie Bestechung bestraft. Die Yangs machen die örtliche Verwaltung dafür verantwortlich, dass kaputte Straßen nicht repariert und Wasserleitungen nicht gebaut werden. Über Bauprojekte wurde in dem Dorf immer wieder gesprochen. Geschehen ist trotz Hilfen der Regierung und von Bewohnern nichts.

ERWARTUNGEN STEIGEN

Nicht nur die Armut ist eine Gefahr für die chinesischen Machthaber. Viele Bürger fühlen sich den Behörden schutzlos ausgeliefert. So erfuhren im nahegelegenen Dorf Guole Bauern kürzlich, dass Hunderte Hektar Ackerland einem Wasserspeicher für ein neues Industriegebiet weichen müssen. Bald wird dafür ein Deich gebaut. "Wir sind dagegen, aber wir können nicht dagegen sein. So ist das in China", sagt der Bauer Shen Zhiyun.

Auch in wohlhabenden Regionen Chinas gibt es Druck von unten. Beim Autozulieferer Honda Lock in der Stadt Xiaolan traten unzufriedene Arbeiter vor zwei Jahren in den Streik. Die Nachricht von der bis dahin ungewöhnlichen Aktion verbreitete sich über soziale Medien schnell und zwang viele Firmen und Behörden, die Mindestlöhne zu erhöhen. Bei Honda Lock stieg der Lohn seit 2010 um 30 Prozent. Lin Wenwu ist einer der Arbeiter, denen der Ausstand genutzt hat. Er verdient jetzt rund 440 Euro im Monat, besitzt einen Computer und hat sich gerade ein Motorrad gekauft.

Dennoch ist Lin, der mit seiner Frau in einer kleinen Einzimmerwohnung lebt, unzufrieden. Er ist einer der 150 Millionen chinesischen Wanderarbeiter, die meist als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Lin bekommt etwa nicht die Sozialleistungen der angestammten Bevölkerung. Der Schulbesuch seiner beiden Kinder wäre in Xiaolan nicht kostenlos. So bleibt sein Nachwuchs bei Verwandten in seiner Heimatprovinz Guangxi. Lin sieht seine Kinder nur dreimal im Jahr für ein paar Wochen. "Ich vermisse sie", sagt der Arbeiter. Er hofft darauf, dass sich die Lebensbedingungen nach dem Parteitag verbessern.

Die Yangs dagegen haben wenig Vertrauen in den Staat. Die Familie bräuchte umgerechnet 5000 Euro, um ihr Dach zu reparieren. Die Behörden haben bisher eine Unterstützung abgelehnt und verlangen einen Antrag, der auch wieder Geld kosten würde. Manche Nachbarn hätten im vergangenen Jahr dafür bezahlt, erzählt Yang. Doch dann sei die Hilfe ausgeblieben. "Ich habe manchmal das Gefühl, als bekämen die Ärmsten nichts und die Reichen alles. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen."

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