Putin will ukrainische Naftogaz mit Gazprom fusionieren

Samstag, 1. Mai 2010, 14:48 Uhr
 

Sotschi (Reuters) - Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin hat überraschend eine Fusion des Moskauer Energie-Giganten Gazprom mit dem ukrainischen Rivalen Naftogaz vorgeschlagen.

Die pro-russische neue Regierung der Ukraine reagierte am Freitag ebenso überrascht wie Gazprom. Die pro-westliche Opposition in Kiew warf Putin vor, die Unabhängigkeit der Ukraine zerstören zu wollen.

"Wir haben über eine Zusammenführung im Bereich Atomtechnik gesprochen", sagte Putin vor einem russisch-ukrainischen Regierungsausschuss am Freitag in Sotschi. "Wir sind bereit, das auch beim Gas zu tun. Ich schlage eine Fusion von Gazprom mit Naftogaz vor."

Ein Sprecher der ukrainischen Regierung sprach von einem nicht abgestimmten "Vorschlag aus dem Stehgreif". Das wies ein Sprecher Putins zurück. "Solche Vorschläge werden nicht aus dem Stehgreif gemacht", sagte Dimitri Peskow Reuters. Der Vorschlag sei durchdacht und durchgerechnet. Gedacht werde an einen Aktientausch, bei dem der ukrainische Staat für seine 100 Prozent an Naftogaz Anteile an Gazprom erhalte.

Ein Sprecher von Gazprom sagte im Moskauer Rundfunk, der Plan sei "interessant" und Gazprom sei "bereit, daran zu arbeiten". Russland und die Ukraine haben wiederholt über die Gaspreise gestritten, wodurch auch Gaslieferungen nach Westeuropa beeinträchtigt wurden.

"Das ist keine Fusion, die auf Partnerschaft basiert, sondern der Aufkauf der Ukraine durch Russland", erklärte die Oppositionsführerin und frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Seit der Wahl der neuen Regierung unter Präsident Viktor Janukowitsch und Ministerpräsident Mikola Asarow zu Jahresbeginn haben sich die Beziehungen des Landes zu Russland drastisch verbessert. Die pro-westliche Vorgängerregierung war durch ein Misstrauensvotum gestürzt worden.

Erst am Donnerstag war es im Parlament in Kiew zu heftigen Tumulten gekommen, als dort der Vertrag über die weitere Verpachtung von Stützpunkten auf der Krim an die russische Schwarzmeerflotte ratifiziert wurde. Timoschenko und der frühere Präsident Viktor Juschtschenko wollten die Pachtregelung 2017 auslaufen lassen. Die frühere Sowjetrepublik Ukraine ist tief gespalten in einen pro-russisch orientierten Osten und einen in die EU und die Nato strebenden Westen.

Gazprom ist einer der größten Energiekonzerne weltweit mit rund 456.000 Mitarbeitern. Naftogaz ist in staatlicher Hand. Das Unternehmen führt russisches Gas in die Ukraine ein und durch seine Pipelines fließt ein Fünftel des in der EU verbrauchten Erdgases. Sollte es zu der Fusion kommen, würde Russland wohl die Kontrolle über diese Pipelines bekommen. Naftogaz ist für Analysten ein kaum zu durchschauendes Gebilde, das zudem hohe Schulden angehäuft haben soll.

Analysten sehen die Idee sehr skeptisch. Das Vorhaben sei nicht möglich, sagte Chris Weafer, Investmentstratege beim russischen Brokerhaus Uralsib. "Ich glaube, die beiden Firmen sind mit Blick auf Größe und Transparenz unterschiedliche Tiere." Auch denke er, dass die Ukraine einem solchen Plan nicht zustimmen werde. Angesichts der Größe von Gazprom sei klar, dass Gazprom Naftogaz komplett dominieren würde, "Und das wird für das ukrainische Volk nicht akzeptabel sein."

Putin stellte zudem der ukrainischen Regierung einen Kredit von 500 Millionen Dollar über die staatlich kontrollierte Bank VTB in Aussicht. Kurz zuvor hatte der Vorsitzende des staatlichen russischen Nuklearverbands erklärt, Russland und die Ukraine würden über ein Gemeinschaftsunternehmen für den Bau von Atom-Projekten nachdenken.

 
<p>Russian Prime Minister Vladimir Putin (C), his Ukrainian counterpart Mykola Azarov (L) and Gazprom Chairman Alexei Miller walk after talks at Russia's Black Sea resort of Sochi, April 30, 2010. REUTERS/RIA Novosti/Pool/Alexei Druzhinin</p>