Hundt nennt Lohnforderungen Aufschwungs-Gefährdung

Sonntag, 1. August 2010, 16:49 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Arbeitgeber lehnen Forderungen nach kräftigen Lohnerhöhungen aufgrund des Wirtschaftsaufschwungs ab.

"Wir dürfen den derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung auf gar keinen Fall belasten oder gefährden", sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt am Sonntag im Deutschlandfunk. Die Beschäftigten profitierten bereits jetzt vom Auslaufen der Kurzarbeit. Zudem habe die moderate Lohnpolitik der Vergangenheit dazu geführt, dass Firmen die Krise relativ gut überstanden hätten. Hundt sagte, er rechne mit Wachstum von zwei Prozent und einem Sinken der Arbeitslosigkeit unter die Drei-Millionen-Marke in diesem Jahr. Bei Fachkräften gebe es bereits Mangel. CSU-Chef Horst Seehofer sagte dagegen, er verstehe die Forderungen der Arbeitnehmer. In der Krise seien die Gewerkschaften ungeheuer verantwortungsvoll gewesen.

Dies habe dazu geführt, dass Deutschland in ganz Europa am besten aus der Krise gekommen sei. Daher habe er Verständnis dafür, dass jetzt aus den Belegschaften die Forderung nach höheren Löhnen komme, sagte er in der ARD.

Hundt betonte, der Aufschwung werde noch fast allein von den Exporten getragen. Die Binnenwirtschaft sei noch nicht in Schwung. "Für Partystimmung ist die Zeit noch nicht reif", sagte Hundt. Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo, Hans-Werner Sinn, hatte diese vor wenigen Tagen bei der Analyse neuer Daten ausgemacht.

Gewerkschaften hatten in den vergangenen Tagen für ihre Zurückhaltung in der Krise einen Nachschlag gefordert. So hatte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) von Abschlüssen in Richtung von drei Prozent mehr Lohn gesprochen. Auch die IG Bau verlangte eine nachträgliche Erhöhung. Allerdings hatten in der Krise eine Reihe von Branchen Verträge über 2010 hinaus geschlossen, die sich auf die Beschäftigungssicherung konzentrierten. Tarifverträge in diesem Jahr laufen in der Eisen- und Stahlindustrie sowie bei der Bahn aus, wo jeweils nur für etwas über 100.000 Beschäftigte verhandelt wird.

EXPERTEN: LOHNERHÖHUNGEN ÜBER VIER PROZENT AB 2013

Arbeitsmarktexperten gehen davon aus, dass nach Jahren stagnierender Einkommen die Löhne vor allem wegen des Fehlens von Nachwuchs künftig stärker steigen werden. Das Forschungsinstitut Kiel Economics geht für die Jahre 2013 und 2014 von Anstieg der Bruttolöhne um über vier Prozent aus. Auch der Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit, Hilmar Schneider, sagte eine Änderung in der Lohnpolitik voraus: "Die Verhandlungsmacht des normalen Arbeitnehmers wird sich erheblich verbessern", sagte er der "Welt am Sonntag". Nach Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gab es für Ingenieure allein im Juli fast 36.000 offene Stellen. Arbeitslos gemeldet waren nur 26.000.

 
<p>Arbeitgeberpr&auml;sident Hundt w&auml;hrend einer Rede in Berlin am 24. November 2009. REUTERS/Tobias Schwarz</p>