US-Justiz will SAP Strafe wegen Datenklau aufbrummen

Freitag, 9. September 2011, 17:56 Uhr
 

Oakland/Stuttgart (Reuters) - Das Renommee des Software-Konzern SAP bekommt wegen des jahrelangen Datendiebstahls vom schärfsten Konkurrenten Oracle weitere tiefe Kratzer.

Das US-Justizministerium sieht es nach jahrelangen Ermittlungen als erwiesen an, dass der Weltmarktführer für Unternehmens-Software illegal auf Oracle-Datenbanken zugegriffen hat, wie aus am Donnerstag veröffentlichten Gerichtsunterlagen hervorgeht. Die inzwischen liquidierte SAP-Tochter TomorrowNow habe dabei zudem Urheberrechte verletzt und solle dafür bestraft werden, befanden die Strafverfolger.

SAP bekannte sich als Muttergesellschaft von TomorrowNow in insgesamt zwölf Fällen für schuldig. "Mit der jüngsten Vereinbarung ist nun ein fairer Abschluss des strafrechtlichen Verfahrens möglich", sagte SAP-Sprecher Jim Dever zu der außergerichtlichen Einigung mit dem Justizministerium, über die noch ein Gericht befinden muss. Das gegen TomorrowNow als Firma zu verhängende Strafmaß soll am Mittwoch verkündet werden. Die für den Datendiebstahl verantwortlichen Manager bei SAP und TomorrowNow kommen dagegen ungeschoren ohne strafrechtliche Konsequenzen in den USA davon.

In Deutschland richten sich strafrechtliche Ermittlungen dagegen immer gegen natürliche Personen, nicht aber gegen juristische Personen wie Firmen. Das US-Justizministerium hatte sich vor einigen Jahren in den seit 2005 tobenden Zivil-Rechtsstreit zwischen Oracle und SAP um illegale Downloads durch die SAP-Tochter TomorrowNow eingeschaltet, nachdem der Datenbank-Spezialist 2007 eine milliardenschwere Schadenersatzklage gegen SAP eingereicht hatte. Anfänglich hatte SAP die Beschuldigungen bestrittenen, später aber scheibchenweise eingeräumt. Ein Geschworenengericht sprach Oracle nach einem umfassenden Schuldeingeständnis von SAP im November vergangenen Jahres Schadenersatz in Höhe 1,3 Milliarden Dollar zu.

Eine Berufsrichterin kassierte diesen Juryspruch jedoch in der vergangenen Woche und reduzierte den von SAP an Oracle zu zahlenden Betrag auf 272 Millionen Dollar. Oracle steht damit vor der Wahl, die geringere Summe zu akzeptieren oder das Verfahren noch einmal neu aufzurollen. SAP-Co-Vorstandssprecher Bill McDermott, der als Vertriebschef in den USA früher für TomorrowNow verantwortlich war, hatte sich in dem Gerichtsverfahren bei Oracle für das unlautere Herunterladen von Daten entschuldigt.

SAP hatte den Jahre lang Verluste schreibenden Software-Dienstleister TomorrowNow erworben, um Oracle Kunden abzujagen. TomorrowNow wartete bei Firmen unter anderem Oracle-Software. SAP lockte diese Unternehmenskunden mit günstigen Wartungsverträgen an und zog dadurch zahlreiche Firmen auf seine Seite, bis Oracle den Datendiebstahl durch unerlaubte Software-Downloads von TomorrowNow-Mitarbeitern öffentlich machte. SAP liquidierte daraufhin die Tochter und verabschiedete sich aus dem Geschäftsfeld Drittkunden-Wartung. Eine Oracle-Sprecherin äußerte Genugtuung über die drohenden strafrechtlichen Konsequenzen für SAP und TomorrowNow. "Wir sind sehr zufrieden, dass das Justizministerium mit dem Strafrecht gegen SAP vorgeht", sagte Deborah Hellinger.

Der Rechtsexperte Eric Goldman von der Santa Clara Universität sagte, es sei ungewöhnlich eine Anklage gegen ein nicht mehr existentes Unternehmen zu erheben. Das Justizministerium habe sich womöglich unter Druck gesehen, angesichts der eklatanten Rechtsverstöße und der kriminellen Handlungen einzuschreiten.