RWE stellt Weichen für Abriss von AKW Biblis

Freitag, 21. Oktober 2011, 13:07 Uhr
 

Essen (Reuters) - Nach dem Regierungsbeschluss zum Atomausstieg treibt der Energiekonzern RWE die Planungen zum Abriss seines Meilers im hessischen Biblis voran.

"Für die Stilllegung und den Rückbau der beiden Blöcke in Biblis muss man Kosten in einer Größenordnung von 1,5 Milliarden Euro kalkulieren", sagte RWE-Power-Vorstand Gerd Jäger der Nachrichtenagentur Reuters in einem am Freitag veröffentlichten Interview. In den nächsten Monaten werde der Konzern festlegen, in welchem Zeitraum die Meiler abgerissen werden. Je nach Vorgehen könnte das rund 40 Hektar große Gelände schon in 20 oder erst in 40 bis 50 Jahren wieder zur grünen Wiese werden.

Nach der Ausstiegsbeschluss der Bundesregierung mussten die AKW-Betreiber E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall acht der 17 deutschen Meiler sofort abschalten. Die übrigen sollen bis Ende 2022 folgen. Für den Abriss der Meiler und die Entsorgung der Anlagen sind die Konzerne verantwortlich. Experten schätzen die Kosten je Block auf etwa 700 Millionen bis über eine Milliarde Euro. E.ON hat insgesamt 16 Milliarden Euro zurückgelegt, RWE gut zehn Milliarden Euro. RWE Power-Vorstand Jäger wies Zweifel zurück, ob die Rücklagen hoch genug sind. "Wir gehen fest davon aus, dass unsere Rückstellungen ausreichen. Wir sind durchaus konservativ unter Berücksichtigung von Risiken in der Bewertung vorgegangen, damit wir nicht überrascht werden."

FORDERUNG NACH RASCHEM ABRISS DER MEILER

RWE hat dem Kernkraft-Manager zufolge eine Projektgruppe aufgebaut, die verschiedene Abriss-Möglichkeiten prüft. "Wir hoffen, dass wir bis Ende des Jahres oder spätestens Anfang kommenden Jahres entscheiden können." Der Konzern ist sich des Drucks für ein rasches Vorgehen bewusst. "Wir werden alle Aspekte berücksichtigen. Dazu gehören technische und kommerzielle Fragen und auch die öffentliche Wahrnehmung. Die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit und in der Politik ist, dass man die Anlagen unmittelbar abbaut."

In den etwa ersten fünf Jahren ist das Vorgehen bei beiden Varianten gleich. In dieser Zeit wird der Brennstoff aus der Anlage geholt. Beim schnellen Rückbau wird jedoch anschließend sofort mit der Demontage begonnen, beim sogenannten "sicheren Einschluss" geschieht dies erst nach 20 bis 30 Jahren. In dieser Zeit kann die Radioaktivität weiter abklingen. Der schnelle Rückbau habe den Vorteil, dass das bisherige Personal in dem Kraftwerk Aufgaben übernehmen könne. In Biblis hat RWE nach eigenen Angaben noch rund 700 eigene Beschäftigte. Den rund 300 Mitarbeiter von Fremdfirmen ist bereits gekündigt worden. "Ein sicherer Einschluss wäre die nahe liegende Variante, wenn zum Bespiel kein Endlager wie Schacht Konrad zur Verfügung stände", sagte Jäger. Zwar würden auch Kosten zeitlich nach hinten geschoben werden. "In der Summe sind die Kosten für beide Varianten in etwa gleich."

RWE KÖNNTE MIT ERFAHRUNGEN AUS STILLLEGUNG GESCHÄFT MACHEN

Der größte deutsche AKW-Betreiber E.ON hat sich noch nicht entschieden, wie er bei seinen kürzlich stillgelegten Meilern Unterweser und Isar 1 vorgeht. "Wir prüfen beide Varianten. Es gibt noch keine Entscheidung." Nach der jahrzehntelangen Nutzung der Kernenergie in Deutschland befinden sich bereits Dutzende Atomkraftwerke im Rückbau. Dazu gehören etwa die alten DDR-Anlagen Greifswald und Rheinsberg oder der E.ON-Meiler im niedersächsischen Stade. Dieses AKW war 2003 stillgelegt worden und soll 2015 abgerissen werden.

Aus den Erfahrungen bei der Stilllegung von Biblis könnte RWE nach eigenen Angaben mittelfristig sogar ein Geschäft machen. "Für die Errichtung eines Kraftwerks gibt es einen etablierten Markt. Das gibt es für den Kernkraftwerksrückbau so nicht", sagte Jäger. Er schließe nicht aus, dass RWE sein so gewonnenes Know-How anderen Unternehmen zur Verfügung stelle. Die Tochter RE GmbH biete bereits weltweit Dienstleistungen wie Beratungen bei Kraftwerksplanungen an. "Das könnte eine ausbaufähige Plattform sein. Wir konzentrieren uns aber zuerst aber einmal auf unsere eigenen Aufgaben."