EU-Bankenaufsicht fürchtet Kreditengpässe

Dienstag, 15. November 2011, 17:50 Uhr
 

London/Frankfurt (Reuters) - Die europäischen Bankenaufseher fürchten, dass die Institute die falschen Konsequenzen aus ihren höheren Kapitalvorgaben und dem Druck der Märkte ziehen und die Kreditvergabe abwürgen. Der Chef der EU-Aufsichtsbehörde EBA, Andrea Enria, räumte am Dienstag in Frankfurt ein, dass die Geldhäuser schon begonnen hätten, ihre Bilanz zu verkleinern, um weniger frisches Kapital aufbringen zu müssen. "Der Bilanzabbau wird noch heftiger werden, wenn sich die Refinanzierungsmärkte nicht öffnen und den Banken Zugang zu Finanzmitteln zu einem vernünftigen Preis geben", sagte Enria auf dem Bankenkongress "Euro Finance Week". "Wir versuchen sie von einem ungeordneten Bilanzabbau hin zur Kapitalaufnahme zu bewegen."

Viele Banken hätten derzeit Probleme, sich am Kapitalmarkt Finanzmittel für Zeiträume von mehr als einem Jahr zu holen. Die EBA tausche sich jede Woche mit den nationalen Aufsehern über die Liquiditätslage der Institute aus, sagte Enria. Viele von ihnen haben Sorge, dass sie das erforderliche Kapital nicht bei Investoren einsammeln können. Die EBA fordert ihnen aber bis Juni 2012 eine harte Kernkapitalquote von neun Prozent ab, um das Vertrauen in die Banken in der Euro-Schuldenkrise zu stärken.

ENDGÜLTIGER KAPITALBEDARF AM FREITAG ERWARTET

Die 70 größten Institute brauchen dazu nach vorläufigen Berechnungen 106 Milliarden Euro. In der Bankenbranche wird erwartet, dass die EBA den endgültigen Bedarf an diesem Freitag beziffert und dabei auch Zahlen für die einzelnen Banken nennt. Sie beruhen bisher auf den Geschäftszahlen und dem Staatsanleihen-Bestand der Banken Ende Juni, nun sollen die Zahlen von Ende des dritten Quartals die Grundlage sein. Viele Banken haben den Sommer genutzt, um Staatsanleihen vor allem aus den Euro- Peripheriestaaten loszuwerden. EBA-Chef Enria legte sich nur darauf fest, dass das Paket bis Ende des Monats vorgelegt sein soll. Er hoffe auf eine Lösung in den nächsten Tagen.

Für die vier deutschen Banken mit Kapitalbedarf - Deutsche Bank, Commerzbank, LBBW und NordLB - dürften sich keine großen Änderungen ergeben, wie Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger gesagt hatte. Sie brauchen nach bisherigen Zahlen 5,2 Milliarden Euro.

Die EU-Aufseher machen den Banken Hoffnung auf einen Ausweg aus dem Problem, schnell neue Aktionäre zu finden. Sie können ihren Bedarf zumindest zum Teil mit Fremdkapital decken, das sich im Krisenfall automatisch in Eigenkapital verwandelt - so genannte "CoCo-Bonds" - und damit Verluste mittragen kann. Die Kriterien dafür sind noch unklar - etwa von welcher Schwelle an aus den CoCo-Bonds Eigenkapital wird. "Wir kommen dem näher. Aber wir werden das ganze Paket gleichzeitig veröffentlichen", sagte Enria am Rande des Kongresses. Analysten schätzen, dass die Banken nur ein Drittel der 106 Milliarden am Kapitalmarkt einwerben müssen - der Rest soll aus der Kürzung von Dividenden, der Einbehaltung von Gewinnen oder dem Bilanzabbau kommen. Mit den CoCo-Bonds könnte es noch weniger werden.

Für die im Zuge der neuen Eigenkapitalregeln von Basel III geforderte langfristige Kapitalaufstockung wollen die Aufseher CoCo-Bonds nicht erlauben. Die EU-Kommission arbeitet aber an Regeln, um Anleihegläubiger mit in die Pflicht zu nehmen, wenn eine Bank in Schieflage gerät. Eine Verordnung dazu soll in den nächsten Wochen vorgelegt werden, wie EU-Vertreter sagten. Es gehe darum, nicht nur die Aktionäre bluten zu lassen. "Warum sollen Anleihegläubiger besser behandelt werden als Aktionäre?", sagte ein EU-Vertreter. Eine Sprecherin von Binnenmarktkommissar Michel Barnier sagte, der Vorschlag solle noch in diesem Jahr veröffentlicht werden - "aber zu einem Zeitpunkt, der für die Märkte geeignet ist".

- von Steve Slater und Alexander Hübner