Siemens verpatzt seinen Jahresauftakt

Dienstag, 24. Januar 2012, 13:39 Uhr
 

München (Reuters) - Fehlstart für Siemens: Unrentable Geschäfte im Segment der Erneuerbaren Energien und die Folgen der Eurokrise verhagelten dem deutschen Industrieflaggschiff das erste Geschäftsquartal 2011/12.

Der Konzerngewinn brach binnen Jahresfrist um ein Sechstel auf 1,46 Milliarden Euro ein, wie Siemens am Dienstag im Vorfeld der Hauptversammlung mitteilte. Wegen der Abkühlung der Weltwirtschaft schwinden die Neuaufträge. Zudem setzte Siemens seine lange, bei Investoren unbeliebte Tradition von teuren Sonderbelastungen fort. Missratene Projekte in der Stromübertragung und der Zugtechnik sowie der Umbau der Medizintechnik drückten den Gewinn um 344 Millionen Euro. Der Umsatz legte um zwei Prozent auf 17,9 Milliarden Euro zu.

An der Börse kam die Entwicklung nicht gut an: Die Siemens-Aktie gab gut drei Prozent nach und zog den Leitindex Dax mit sich. "Das Ergebnis der operativen Segmente ist eine klare Enttäuschung", urteilte DZ-Bank-Analyst Karsten Oblinger.

Für die Zukunft verbreite Vorstandschef Peter Löscher angesichts eines Auftragspolsters von gut 100 Milliarden Euro dennoch Zuversicht. Im Gesamtjahr werde sein Haus wie geplant im fortgeführten Geschäft einen Gewinn von sechs Milliarden Euro erwirtschaften, bekräftigte er die Prognose. Im laufenden Quartal werde weiter Anspannung auf dem Weltmarkt herrschen, dann soll es besser werden. Löschers Zuversicht stieß unter Börsianer auf Skepsis. "Der Optimismus für die zweite Jahreshälfte basiert auf einer verbesserten Stimmung bei den Kunden... Was immer das heißt", sagte ein Analyst. "Der Druck auf die Gewinn ist real, während die Aussichten auf eine Besserung im zweiten Halbjahr begrenzt sind. Wir würden nicht auf einen steigenden Aktienkurs setzen."

PROBLEME MIT WIND- UND SOLARTECHNIK

Ausgerechnet die Prestigegeschäfte von Siemens gerieten in die Krise. Die Produktion von Technik zur Erzeugung erneuerbarer Energien rutschte in die Verlustzone. Weder der Verkauf von Windturbinen noch der von Solartechnik rentierten sich für die Münchner. Gestiegene Kosten, unter anderem für das aufgestockte Personal, und ein harter Preiskampf brockten dem Segment einen Fehlbetrag von 48 Millionen Euro ein. "Man muss einfach sehen: Die goldenen Zeiten sind vorbei, in denen man immer mit zweistelligen Wachstumsraten rechnen konnte", sagte Löscher. "Der Markt wird kurzfristig hart umkämpft bleiben." Dennoch solle der Verlust ein einmaliger Ausrutscher bleiben.

Zudem verdarben missratene Stromübertragungs-Projekte die Bilanz. Verzögerungen beim Anschluss von fünf Windparks vor der deutschen Küste kosteten Siemens im Ergebnis 203 Millionen Euro. Schuld sei die fehlende Freigabe durch den Regulierer, klagte Löscher. Außerdem seien die Preise für Umspannwerke und große Transformatoren im Keller, und das werde auch weiter so bleiben, sagte Finanzchef Joe Kaeser.

Die schwankenden Staatsfinanzen taten bei dem Infrastruktur-Anbieter ein Übriges. "Sorgen macht uns die Schuldenkrise in Europa", sagte Löscher vor den Aktionären. "Die Unsicherheiten der anhaltenden Schuldenkrise haben auch in der Realwirtschaft Spuren hinterlassen", erklärte er. "Auch wenn in der zweiten Jahreshälfte eine Erholung erwartet wird, müssen wir hart arbeiten, um unsere Ziele zu erreichen." In vielen Branchen hielten sich die Kunden mit Investitionen zurück, die öffentliche Hand habe unter klammen Budgets zu leiden. Daher will Löscher das Geld zusammenhalten. "Cash bleibt King, die konservative Finanzpolitik hat sich bewährt", dämpfte er Hoffnungen der Anteilseigner auf eine Sonderdividende aus der Barschaft von fast neun Milliarden Euro.

An den Börsenplänen für die Leuchtmitteltochter Osram hält Siemens trotz aller Widrigkeiten fest. Die Emission sei für das Kalenderjahr 2012 geplant, sagte Kaeser und deutete damit eine Orientierung auf das Jahresende an. Osram hatte zuletzt seinen Gewinn und Umsatz wieder gesteigert. Die Talfahrt im Zyklus der Tochter habe ihr Ende erreicht, sagte Finanzchef Joe Kaeser.