Finanzkreise: Evonik geht vor Sommer nicht an die Börse

Dienstag, 28. Februar 2012, 17:22 Uhr
 

Düsseldorf/Frankfurt (Reuters) - Der Chemiekonzern Evonik wird im Frühjahr Finanzkreisen nicht Eisbrecher für Börsengänge in Deutschland werden.

"Es gibt keinen Evonik-Börsengang vor Ostern und auch keinen Börsengang im Mai", sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Eine weitere Person äußerte sich ähnlich. Eigner und Banken schätzten die Marktlage als "zu unruhig" ein, hieß es weiter. Die Schuldenkrise in einigen Euro-Staaten und die Furcht vor einer Rezession schüren immer wieder Störfeuer, Schwankungen an den Börsen schrecken Investoren ab - und lassen es für Firmen unsicher erscheinen, ob sie Milliarden auf dem Börsenparkett einsammeln können. Die Evonik-Eigner CVC und RAG-Stiftung lehnten einen Kommentar ab.

Über den Evonik-Börsengang hat am vergangenen Mittwoch den Kreisen zufolge ein hochrangig besetztes Gremium beraten: der Lenkungsausschuss, in dem die Anteilseigner und die beauftragten Banken vertreten seien. Bis Juni, so das Ergebnis des Treffens, solle Evonik nicht den Sprung auf das Börsenparkett wagen, berichteten Insider. Eine Entscheidung über einen möglichen Börsengang im Sommer sei nun ab Ende März zu erwarten. Mitglieder des Gremiums seien der Chef der RAG-Stiftung, Wilhelm Bonse-Geuking, CVC-Deutschland-Chef Steven Koltes, Stephan Leithner von der Deutschen Bank und Dorothee Blessing von Goldman Sachs. Die RAG-Stiftung hält knapp 75 Prozent an Evonik, der Finanzinvestor CVC kontrolliert einen Anteil von 25,01 Prozent an dem Essener Chemie-Riesen. Deutsche Bank und Goldman sollen einen Börsengang vorbereiten.

Im März steht eine weitere wichtige Entscheidung für Evonik und die RAG-Stiftung an. Das Kuratorium der RAG-Stiftung, die für die Finanzierung der Altlasten aus dem auslaufenden deutschen Steinkohlebergbau aufkommen soll, will am 23. März die Besetzung des künftigen Vorstandes festlegen. Für die Nachfolge von Bonse-Geuking ist bislang nur ein Kandidat nominiert worden: Die im Kuratorium vertretene Gewerkschaft IG BCE hatte den ehemaligen Wirtschaftsminister Werner Müller für den Posten vorgeschlagen, der auch den Evonik-Konzern geformt hatte. Dem Kuratorium, das den Vorstand der RAG-Stiftung überwacht, gehören unter anderem Vertreter des Bundes, des Landes Nordrhein-Westfalens und des Saarlandes sowie der Gewerkschaft an. Kreisen zufolge hat sich auch die Landesregierung in Düsseldorf hinter Müller gestellt, in Teilen der CDU gab es aber Widerstand gegen ihn. Ein neuer Sitftungschef hat ein gewichtiges Wort bei einem Börsengang mitzureden.

Der Evonik-Börsengang war trotz rasanten Wachstums des Chemiekonzerns im vergangenen September für das Jahr 2011 zu den Akten gelegt worden. Die Eigner hatten aber erklärt, die Pläne wieder ins Visier nehmen zu wollen, wenn die Richtung an den Börsen wieder stimme. Die RAG-Stiftung hatte sich ursprünglich Mitte April 2011 für einen Börsengang binnen 15 Monaten ausgesprochen, sich aber schon damals ein Hintertürchen offen gehalten: Der Börsengang stehe unter dem Vorbehalt, dass er bei einer Eintrübung der Konjunktur "jederzeit angehalten" werden könne. Ein Börsengang von Evonik könnte Milliarden einbringen. Der Finanzinvestor CVC hatte 2008 für einen Evonik-Anteil von 25,01 Prozent rund 2,4 Milliarden Euro gezahlt. Bei einem Börsengang würde der gesamte Konzern nun wohl mit deutlich mehr als zehn Milliarden Euro bewertet.

Im vergangenen Jahr waren neben Evonik auch Osram auch der Spezialchemie-Konzern H. C. Starck als Börsenkandidaten gehandelt worden. Der Versicherer Talanx hatte einen Börsengang ins Spiel gebracht - Firmenkreisen zufolge frühestens ab Jahresmitte 2012. Die Verunsicherung der Finanzmärkte infolge der Euro-Schuldenkrise verhinderte bisher größere Börsengänge.