Stresstest frisst Gewinn der Commerzbank auf
Frankfurt (Reuters) - Der europäische Banken-Stresstest geht bei der Commerzbank zu Lasten des Kerngeschäfts.
In den ersten drei Monaten stand der Kraftakt im Vordergrund, die Kapitalanforderungen der Londoner EU-Aufsichtsbehörde EBA zu erfüllen. Das hat die zweitgrößte Bank Deutschlands vorzeitig geschafft, doch der Abbau von Risiken in der Bilanz blieb nicht ohne Folgen für die Erträge. So brach der Nettogewinn um fast zwei Drittel auf 369 Millionen Euro ein. "Im ersten Quartal lag unsere Priorität auf der Erreichung des EBA-Kapitalziels", entschuldigte Vorstandschef Martin Blessing am Mittwoch den unerwartet starken Rückgang. Doch auch im Kerngeschäft mit Privatkunden und dem Mittelstand kommt die teilverstaatlichte Commerzbank nicht recht voran.
Fast zeitgleich mit den ernüchternden Zahlen wurde die Bank von einer Altlast eingeholt. Ein Gericht in London verurteilte sie dazu, 104 Investmentbankern der ehemaligen Dresdner Bank 52 Millionen Euro Boni nachzuzahlen. Blessing hatte Sonderzahlungen von 250 Millionen Euro selbst um 90 Prozent zusammengestrichen, nachdem die Dresdner-Investmentbank 2008 in der Finanzkrise 6,5 Milliarden Euro Verlust erwirtschaftet hatte. Die Bank behält sich vor, Berufung einzulegen. Mit den mündlich versprochenen Boni - in Einzelfällen bis 2,6 Millionen Euro - hatte Dresdner-Kleinwort-Chef Stefan Jentzsch einen Massenexodus der teuren Banker verhindern wollen. In Deutschland angestellte Investmentbanker hatten ähnliche Arbeitsgerichtsprozesse gegen die Commerzbank letztinstanzlich verloren.
Heute spielt das Investmentbanking bei der Commerzbank nur eine Nebenrolle. In der anhaltenden Flaute an den Märkten warf die Sparte innerhalb von neun Monaten ganze 90 Millionen Euro ab. Rückgrat des Geschäfts bleibt die Mittelstandsbank, die in den ersten drei Monaten 2012 allein fast eine halbe Milliarde Euro verdiente. Das Privatkundengeschäft, das mit der Übernahme der Dresdner Bank eigentlich deutlich profitabler werden sollte, stagnierte bei gut 100 Millionen Euro. Zudem verdüstert sich die Lage in der Schiffsfinanzierung: Die Sparte, die Schiffs- und Immobilienkredite bündelt, hat die für das ganze Jahr geplanten Verluste von rund 400 Millionen Euro schon jetzt übertroffen.
"Die Erträge wurden durch die konsequente Risikoreduzierung, das schwache Zinsumfeld und die anhaltende Kundenzurückhaltung insbesondere im Wertpapier-Geschäft belastet", fasste der neue Finanzvorstand Stephan Engels zusammen. Der Zinsüberschuss, die wichtigste Ertragsquelle, sank um 17 Prozent. "Das wird wohl nachhaltig wirken, weil man die Bilanzrisiken weiter abbaut", sagte Metzler-Analyst Guido Hoymann. Mit Kostensenkungen - 400 Millionen Euro insgesamt - und geringeren Rückstellungen für faule Kredite konnte die Commerzbank die niedrigen Zinsen und die Unlust der Kunden beim Kauf von Wertpapieren nur teilweise wettmachen.
ERLEICHTERUNG ÜBERWIEGT
Am Markt überwog aber die Erleichterung über die Erfüllung der Kapitalanforderungen, die Commerzbank-Aktie kletterte gegen den Markttrend um bis zu 3,4 Prozent. Die Bank, noch im Herbst als eines der größten Sorgenkinder der EBA gehandelt, habe nicht nur die Kapitallücke von 5,3 Milliarden Euro vorzeitig gestopft, sondern sogar einen zusätzlichen Puffer von 1,1 Milliarden Euro aufgebaut, erklärte Blessing zufrieden. Und das, obwohl die Bank die dabei eingeplanten 1,2 Milliarden Euro Gewinne in den ersten sechs Monaten nicht erreichen wird. Europas Banken müssen bis Ende Juni eine Kernkapitalquote von neun Prozent einhalten, auch wenn alle europäischen Staatsanleihen zu Marktwerten angesetzt würden. Damit sollten sie sich nach den Vorstellungen der EBA für eine Verschärfung der Euro-Schuldenkrise wappnen.
Dem ordnete die Commerzbank zuletzt alles unter. Boni an die Mitarbeiter wurden in Aktien ausbezahlt, Kredit-Sicherheiten neu bewertet, nicht mehr anerkannte Kapitalinstrumente ausgemistet oder in andere umgetauscht. Vor allem im Mittelstands- und im Kapitalmarktgeschäft wurden die Risiken deutlich zurückgefahren. Die neuen Griechenland-Anleihen hat die Bank im ersten Quartal komplett verkauft und dabei 70 Millionen Euro verloren. In den anderen vier Schuldenstaaten Spanien, Portugal, Italien und Irland sind aber noch 12,1 Milliarden Euro Staatsanleihen übrig, deren Abbau die Bank im zweiten Halbjahr forcieren will.
Dann beginnt die Abwicklung eines Großteils des Immobilien- und Staatsfinanzierers Eurohypo, auf dessen Verkauf die EU kürzlich verzichtet hatte. Für den Umbau der Eurohypo sind 34 Millionen Euro reserviert. Weitere Kosten seien nicht absehbar, sagte Engels. Wie viel die Commerzbank noch auf den Buchwert der Eurohypo werde abschreiben müssen, wollte er nicht sagen.
Bis März 2013 will die Commerzbank einen Kapitalpuffer von zehn Prozent erreichen, obwohl die Kriterien nochmals verschärft werden. Damit läge sie besser als die Deutsche Bank, die bis dahin erst auf 8,5 Prozent kommen will. Für die Gewinne ist Besserung jedoch nicht in Sicht. "Die mit der europäischen Staatsschuldenkrise einhergehende hohe Unsicherheit wird die Ertragslage der Bank weiterhin vor Herausforderungen stellen", hieß es im Quartalsbericht. "Die Euro-Krise wird eher länger als kürzer dauern", sagte Engels. Blessing legte sich daher für 2012 weiterhin nur auf ein "solides" Ergebnis im Kerngeschäft fest. Das Ziel von vier Milliarden Euro Gewinn vor Steuern bleibt in weiter Ferne.
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