Merck setzt Rotstift an - 1100 Jobs fallen weg
Frankfurt (Reuters) - Der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck streicht in Deutschland jede zehnte Stelle.
Im Zuge seines weltweiten Sparprogramms sollen hierzulande bis Ende 2015 rund 1100 der aktuell 10.900 Arbeitsplätze wegfallen, wie das Traditionsunternehmen am Dienstag ankündigte. Die Konzernführung hatte mehrere Monate mit Arbeitnehmervertretern über die Einschnitte in Deutschland gerungen. Dabei hatte Merck-Chef Karl-Ludwig Kley stets klar gemacht, dass für die Umbauziele auch ein Stellenabbau in Deutschland unumgänglich sei. Das Management will aber bis Ende 2017 weitgehend ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen. Merck informierte die Beschäftigten am Stammsitz auf einer Betriebsversammlung über die geplanten Kürzungen.
"Wir haben in den vergangenen Monaten konstruktive Gespräche mit den Betriebsräten geführt und sind froh, dass wir jetzt einen Fahrplan haben, um Merck in Deutschland so aufzustellen, dass das Unternehmen für künftige Herausforderungen gewappnet ist", erklärte Personalchef Kai Beckmann. Ferner kündigte Merck an, in den nächsten zwei Jahren in Darmstadt und den anderen deutschen Standorten mindestens 250 Millionen Euro investieren zu wollen. Unter anderem soll der Stammsitz weiter ausgebaut werden.
Merck hatte ein umfassendes Restrukturierungsprogramm für alle Sparten und Regionen auf den Weg gebracht. Damit will Kley vor allem die Pharmasparte Merck Serono, die nach mehreren Entwicklungsfehlschlägen mit erheblichen Nachschubproblemen zu kämpfen hat, wieder schlagkräftiger machen. Größter Flop war 2011 die Multiple-Sklerose-Tablette Cladribin, die bei den Behörden in den USA und Europa durchfiel. Die Zeit drängt für Kley: Denn ab der Mitte des Jahrzehnts könnte den drei umsatzstärksten Medikamenten Konkurrenz durch Generika drohen. Zudem spürt Merck im Flüssigkristallgeschäft die zunehmende Konkurrenz durch asiatische Hersteller. Allein im Pharmageschäft will Kley weltweit ab 2014 pro Jahr 300 Millionen Euro einsparen. Im Geschäft mit rezeptfreien Präparaten und Gesundheitsprodukten, zu dem auch die bekannten Nasentropfen "Nasivin" gehören, soll dieses Jahr fünf Millionen Euro eingespart werden, 2013 dann 15 Millionen und ab 2014 dann jährlich etwa 25 Millionen Euro.
ÜBER 100 EINZELMAßNAHMEN
Die Stellen in Deutschland will Merck hauptsächlich über Freiwilligen- und Altersteilzeitprogramme abbauen. "Für den Betriebsrat ist besonders wichtig, dass in Darmstadt und Gernsheim bis Ende 2017 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet wird", erklärte Betriebsratschef Heiner Wilhelm. Auch seien Auslagerungen und Outsourcing weitgehend verhindert worden. Vereinzelt prüft Merck aber auch Standortschließungen und Betriebsübergänge. Der Sparkurs in Deutschland umfasst mehr als 100 Einzelmaßnahmen quer durch alle Bereiche. So will Merck die Logistik umbauen, Auslagerungen soll es nach einer Prüfung aber nicht geben. Ausnahmen seien Aktivitäten, die bereits von fremden Dienstleistern erledigt würden. Dazu gehörten Routinearbeiten in der Produktion. Betroffen seien davon rund 100 Stellen.
MERCK SERONO ZENTRALE IN GENF WIRD DICHT GEMACHT
Bei den Finanzdienstleistungen soll es bis Ende 2015 keine Verlagerungen ins Ausland geben. Der Konzern hatte dies für die Merck Shared Services Europe GmbH (MSSE) überlegt. Aufgeben will Merck die Produktion von Industriesalzen im niedersächsischen Lehrte und die Abfüllaktivitäten in Hohenbrunn in Oberbayern. Merck will in den nächsten Monaten prüfen, was mit den Standorten mit 140 Beschäftigten im Einzelnen geschehen soll. Personalkosten sollen zudem über neue Vergütungsstrukturen eingespart werden. Der Pharma- und Spezialchemiekonzern hatte seit Ende Februar mit Arbeitnehmervertretern über den Sparkurs in Deutschland im Zuge des Programms "Fit für 2018" verhandelt.
In anderen Ländern standen die Einschnitte bereits fest. So ist der Standort Schweiz massiv betroffen, denn für die Genfer Zentrale des Pharmageschäfts Merck Serono bedeutet das Sparprogramm das Aus. Die Sparte soll künftig wieder von Darmstadt aus geleitet werden. Allein in Genf fallen deshalb 500 der zuletzt 1250 Stellen weg - über 750 Arbeitsplätze werden in andere Regionen verlagert. Auch streicht Merck Serono rund 80 Stellen an den drei Schweizer Produktionsstandorten Aubonne, Corsier-sur-Vevey und Coinsins. Weltweit hatte Merck zuletzt rund 40.000 Beschäftigte.
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