Daimler und Betriebsrat über Produktionsdrosselung einig

Mittwoch, 17. Oktober 2012, 17:59 Uhr
 

Stuttgart (Reuters) - Daimler hat sich nach langem Ringen mit dem Betriebsrat über eine Drosselung der Produktion in seinem weltweit größten Pkw-Werk Sindelfingen geeinigt.

Bis zum Produktionsanlauf der neuen Mercedes-Benz S-Klasse im kommenden Jahr soll das Flaggschiff der Marke nur noch in einer Schicht hergestellt werden, teilte Daimler am Mittwoch in Stuttgart mit. Darauf verständigten sich die Werksleitung und die Arbeitnehmervertretung nach zähen Verhandlungen. Mit dem Schritt soll die Produktion an die geringere Nachfrage angepasst werden, bis kommendes Jahr das neue Modell der Luxuslimousine auf den Markt kommt. Durch die gedrosselte Produktion werden einer mit der Situation vertrauten Person zufolge bis Ende dieses Jahres voraussichtlich rund 8000 Fahrzeuge weniger gebaut. 2011 liefen rund 69.000 S-Klasse-Fahrzeuge in Sindelfingen vom Band.

Der Einigung waren wochenlange Auseinandersetzungen um die Schichtbelegung vorangegangen: Die Arbeitnehmer wollten abwechselnd in Früh- und Spätschicht produzieren, die Werksleitung nur in Frühschicht - damit wären teure Schichtzuschläge entfallen. Um diese Forderung durchzusetzen, hatte Daimler eine Betriebsvereinbarung gekündigt und das Arbeitsgericht angerufen. Da eine gerichtliche Entscheidung aber erst zu Monatsende zu erwarten war, lief der Werksleitung die Zeit davon. Betriebsratschef Erich Klemm hatte damit gedroht, die rund 2500 in der Montage der Mercedes-S-Klasse beschäftigten Mitarbeiter könnten statt Freischichten zu nehmen, ihre Arbeit wie gewohnt anbieten, die das Unternehmen bezahlen müsse. Die "Drohung des Betriebsrats mit Arbeit" sei zum jetzigen Zeitpunkt fehl am Platz, versuchte der Leiter des Werks Sindelfingen, Willi Reiss, zuletzt in einem Brief an die Beschäftigten die Wogen zu glätten.

WERKSLEITER ERKLÄRT SICH ZUM SIEGER

Der drohende Kleinkrieg um die Bezahlung der Beschäftigten und die Arbeitszeitkonten wurde nun abgewendet. Werksleiter Reiss erklärte sich zum Sieger der Auseinandersetzung: Daimler habe sich "in wesentlichen Punkten" durchgesetzt. Denn individuelle Freischichten der Mitarbeiter seien künftig erst ab einem positiven Arbeitszeitkonto möglich, sagte der Leiter des Werks mit rund 23.000 Beschäftigten. Wegen der negativen Zeitkonten der Mitarbeiter werde Mehrarbeit zum Ausgleich genutzt, Überstundenzuschläge entfallen daher zunächst. Diese Vereinbarungen hätten Gültigkeit für das ganze Werk, dadurch werde die Flexibilität deutlich erweitert.

Die Zeitkonten der S-Klasse-Beschäftigten liegen derzeit mit 100 Stunden im Minus, diese Zeit muss also nachgearbeitet werden. Mit der geplanten Drosselung der Produktion sinken die Zeitkonten daher zunächst weiter, erst mit dem Modellwechsel im kommenden Frühjahr werden wieder Überstunden im großen Stil anfallen. Nicht benötigte Mitarbeiter sollen vorübergehend in der Montage der kleineren Mercedes-Benz C-Klasse eingesetzt werden.

"Wir haben auf dem Verhandlungsweg eine tragfähige Lösung gefunden, so dass das Unternehmen nun auch die Kündigung der Betriebsvereinbarung zur Arbeits- und Betriebszeit zurückgenommen hat", teilte Betriebsratchef Klemm mit. Durch die Arbeit in Wechselschicht könnten die Beschäftigten ihren Lebensrhythmus beibehalten und bekämen auch ihre Schichtzulagen.

Mercedes-Benz Pkw - Daimlers umsatzstärkste und ertragreichste Sparte - steht unter Margendruck und wird ihr selbst gestecktes Ergebnisziel im laufenden Jahr von rund 5,2 Milliarden Euro trotz eines Absatzrekords deutlich verfehlen. Daimler-Chef Dieter Zetsche rechnet wegen der schwieriger werdenden Absatzmärkte 2012 mit einem operativen Gewinn von unter fünf Milliarden Euro und hat ein Sparprogramm angekündigt. Ein Stellenabbau ist derzeit aber nicht geplant.

 
Employees of German car manufacturer Mercedes Benz work on Mercedes B-class cars at the Mercedes plant in Rastatt July 16, 2012. Daimler will invest another 600 million euros ($734.6 million) by the end of 2013 in its Rastatt plant in Germany, where it will add a third shift starting in October to meet demand for its line of compact Mercedes-Benz premium cars. REUTERS/Alex Domanski (GERMANY - Tags: TRANSPORT BUSINESS)