Ford schließt Werk in Belgien - Tausende Jobs 2014 weg

Mittwoch, 24. Oktober 2012, 13:42 Uhr
 

Genk (Reuters) - Wegen der tiefen Krise am europäischen Automarkt sperrt der US-Konzern Ford sein Werk im belgischen Genk zu.

Die Fahrzeugproduktion werde dort Ende 2014 auslaufen, kündigte der angeschlagene Autobauer am Mittwoch an. In Genk gingen 4300 Jobs verloren, sagte Luc Prenen von der Gewerkschaft ACV Union nach einem Krisentreffen zu Arbeitern, die sich auf dem Werksgelände versammelt hatten. Es ist innerhalb kurzer Zeit der zweite Schlag für die Autobranche in Belgien: Vor zwei Jahren hatte bereits der dauerkriselnde Autobauer Opel in seiner Fabrik in Antwerpen die Lichter ausgemacht.

Ford steuert in Europa auf einen Milliardenverlust zu. Die Produktion in Europa werde umstrukturiert, um wieder profitabel zu wachsen und Werke in Spanien und Deutschland wieder besser auszulasten, hieß es von dem US-Autobauer. Ford baut in Genk die Modelle Mondeo, Galaxy und S-Max. Die nächste Generation dieser Fahrzeuge will Ford im spanischen Valencia vom Band laufen lassen. Dies sei Teil der Verhandlungen über die Werksschließung und den Stellenabbau in Belgien, die jetzt begonnen würden. Der Plan sehe zudem vor, dass die Fertigung von C-Max und Grand C-Max von Valencia nach Deutschland, nämlich nach Saarlouis, verlagert werden könnte. Details will Ford in einer Telefonkonferenz am Donnerstag präsentieren.

FÜNF WERKE ZUVIEL

"Uns ist bewusst, welche Auswirkungen diese mögliche Restrukturierung auf unsere Mitarbeiter in Genk, ihre Familien, unsere Lieferanten und die örtlichen Kommunen hätte", sagte Ford-Europa-Chef Stephen Odell. "Wir kennen und akzeptieren unsere soziale Verantwortung in einer solch schwierigen Situation, und wenn der Restrukturierungsplan bestätigt wird, werden wir sicherstellen, dass Unterstützungsmaßnahmen ergriffen werden, die die Auswirkungen für alle betroffenen Mitarbeiter verringern."

Werksschließungen werden in Europa seit langem erwartet. Experten gehen davon aus, dass mindestens fünf Werke überflüssig sind. Belgische Standorte sind dabei immer wieder im Gespräch, weil die Gewerkschaften dort als besonders schwach gelten.

Europas größter Hersteller VW wollte vor einigen Jahren seine Fabrik in Brüssel schließen, gab sie aber letztlich an die Konzerntochter Audi ab, die zusätzliche Kapazitäten für kleine Modelle brauchte. Der verlustreiche VW-Ableger Seat kann sein Werk in Martorell in Spanien nur deshalb auslasten, weil Audi dort den Geländewagen Q3 fertigt. Auch bei Opel geht die Diskussion um Werksschließungen weiter, nach dem Aus für Antwerpen dreht sich die Debatte um Bochum.

ZU GROSSE FABRIKEN, ZU WENIG VERKÄUFE

Ford hatte kürzlich ein Sparprogramm angekündigt, das auch Arbeitsplatzabbau in Deutschland vorsieht. Um die Kosten zu drücken, bietet der Konzern Beschäftigten in Europa Abfindungen für den freiwilligen Abschied an und rechnet dadurch mit dem Wegfall mehrerer hundert Stellen. Ford beschäftigt in Europa rund 68.000 Mitarbeiter, die wegen der Absatzkrise in Südeuropa immer weniger zu tun haben. Schon vor der Sommerpause wurde die Produktion in Köln und in Valencia zurückgefahren. In Genk war zuletzt nur an vier Tagen pro Woche gearbeitet worden. In Deutschland beschäftigt Ford in seinen Werken Köln und Saarlouis rund 22.000 Menschen.

Der Restrukturierungsplan ist laut Ford "eine Antwort auf die Überkapazitäten" in Westeuropa, wo die gesamte Fahrzeugnachfrage seit 2007 um über 20 Prozent zurückgegangen sei. Hier hatte sich die Autokrise in den vergangenen Monaten immer weiter verschärft. So wenig Neuwagen wurden zuletzt vor rund 20 Jahren verkauft. Vor allem im schuldengeplagten Süden Europas trauen sich die Menschen kaum mehr, Geld für ein neues Auto auszugeben. Aber auch in den anderen Ländern breitet sich die Kaufzurückhaltung zunehmend aus. Im September gingen die Neuzulassungen in der EU um mehr als zehn Prozent zurück.

Mit einer raschen Erholung wird nicht gerechnet, im Gegenteil: In der Autobranche herrscht fast einhellig die Meinung, dass in Europa die Krise erst 2014 wieder vorbei ist. Betroffen von der Flaute sind vor allem Massenhersteller, die ihre Klein- und Mittelklassewagen in Europa anbieten. Neben Ford sind dies etwa Fiat, Opel oder PSA Peugeot Citroen. International ausgerichtete Konzerne wie VW und Oberklasse-Hersteller wie BMW, Audi oder Mercedes können Absatzrückgänge in Europa anderswo wett machen; in den weltgrößten Pkw-Märkten China und USA laufen die Geschäfte weiter gut, und gerade teure deutsche Limousinen und Geländewagen sind nach wie vor gefragt.

 
Trash lies outside the empty Ford assembly plant in Genk after an emergency meeting between workers and management October 24, 2012. REUTERS/Laurent Dubrule (BELGIUM - Tags: BUSINESS EMPLOYMENT TRANSPORT)