FOKUS1-Autobauer wollen keine Steuergelder für Werksschließungen

Donnerstag, 8. November 2012, 15:52 Uhr
 

Brüssel/Stuttgart (Reuters) - Europas Autobauer wollen die wegen der Absatzkrise drohenden Werksschließungen ohne direkte staatliche Beihilfen über die Bühne bringen.

Zwar werbe die Branche mit derzeit rund 2,3 Millionen Beschäftigten um Verständnis für mögliche Einschnitte in der Produktion, teilte der Verband der europäischen Autobauer ACEA am Donnerstag mit. "Wir verlangen aber explizit keine Steuergelder, um Kapazitätsanpassungen zu finanzieren, die einige Fahrzeughersteller möglicherweise anstreben", heißt es in dem in Brüssel veröffentlichten Papier.

Von der EU können die Hersteller, deren Autofabriken einer Studie zufolge zum Teil nicht einmal zu 50 Prozent ausgelastet sind, ohnehin keine neuen Finanzhilfen erwarten. EU-Industriekommissar Antonio Tajani versprach am Donnerstag aber, Wirtschaftsminister, Konzerne und Gewerkschaften an einen Tisch zu holen. Damit will die Brüsseler Behörde den Abbau der Überkapazitäten in der Autoindustrie koordinieren, Investitionen anregen und sicherstellen, dass sich alle Beteiligten an die gemeinsamen Regeln für Binnenmarkt und Wettbewerb halten, wie Tajani erklärte. Der deutsche Herstellerverband VDA begrüßte die vorgeschlagenen Maßnahmen. Diese böten gute Impulse zur Stärkung der Branche im weltweiten Wettbewerb, sagte Präsident Matthias Wissmann. Nötig sei eine einheitliche Strategie für Zukunftsthemen wie alternative Kraftstoffe und verbrauchsärmere Antriebe, um einen Flickenteppich zu vermeiden.

Europas Autobauer stehen wegen der zögerlichen Nachfrage der Verbraucher nach Neuwagen zum Teil mit dem Rücken zur Wand, da der auf den tiefsten Stand seit rund 20 Jahren gefallene Pkw-Verkauf die Bilanzen rot einfärbt. Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Denn vor allem auf die europäischen Absatzmärkte fokussierte Massenhersteller PSA Peugeot Citroen und Opel haben mit schwach ausgelasteten Fabriken zu kämpfen. Wie die Franzosen sucht auch der US-Autobauer Ford sein Heil in Werksschließungen, um die Verluste in Europa in einigen Jahren wettzumachen. Fiat-Chef Sergio Marchionne, der auch dem ACEA als Präsident vorsteht, hatte sich für öffentliche Hilfen stark gemacht und die Investitionen zuletzt gekürzt.

Mittlerweile spürt auch der Marktführer VW die Marktschwäche, und selbst die Oberklasse-Hersteller Audi Mercedes müssen der Krise inzwischen mit sinkenden Gewinnen Tribut zollen. Lediglich BMW und Porsche kamen bisher glimpflich davon. Die Premium-Hersteller und VW können die schwachen Geschäfte in Europa zum Teil noch mit dem gut laufenden Exportgeschäft in den USA und China abfedern.

STUDIE: VIELE AUTOWERKE BEI WEITEM NICHT AUSGELASTET

Die Automobilindustrie ist mit rund 250 Produktionsstätten einer der Schlüsselbranche in der EU. Indirekt beschäftigt die Branche bis zu zwölf Millionen Menschen. Eine am Donnerstag veröffentlichten Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC zufolge sind 15 europäische Automobilwerke zu weniger als 50 Prozent ausgelastet. Als untere Grenze für die Profitabilität eines Werks gelte eine Auslastung um 75 Prozent, schrieben die Experten. Um die Überkapazitäten in der Produktion zu reduzieren, seien "strukturelle Anpassungen und Werksschließungen" wohl "unausweichlich", lautet das Fazit. Mit 12,5 Millionen neu zugelassenen Fahrzeugen in Europa werde 2012 voraussichtlich ein Tiefpunkt erreicht, von dem sich die Branche auch 2013 voraussichtlich kaum entfernen wird.

Die EU will daher gegensteuern. Tajani nannte in seinem "Aktionsplan" vier Schwerpunkte, darunter die Förderung klimafreundlicher Antriebe, Hilfe der Europäischen Investitionsbank (EIB) sowie europäische Vorgaben für eine Förderung solcher Techniken durch die Mitgliedsstaaten. Der nächste langjährige Haushaltsplan der EU soll zwar für Forschung und Entwicklung 80 Milliarden Euro bis 2020 bereitstellen. Es liegen aber zahlreiche Forderungen nach einer kräftigen Kürzung des Gesamt-Budgets auf dem Tisch, unter anderem von Deutschland. Der Plan soll im November von den Staats- und Regierungschefs verabschiedet werden. Im Rahmen ihrer Klimaschutzpolitik hat die EU die Autobranche ohnehin im Visier: Ab 2020 soll ein Fahrzeug im Schnitt nur noch 95 Gramm des Treibhausgases CO2 pro Kilometer ausstoßen. Das wird den Herstellern milliardenschwere Entwicklungskosten abfordern, die immer schwerer zu verdienen sind.