Lebensversicherer in der Niedrigzinsfalle

Donnerstag, 8. November 2012, 17:06 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die deutschen Lebensversicherer steuern wegen der extrem niedrigen Zinsen für Kapitalanlagen in schwieriges Fahrwasser.

Allerdings wies die Branche am Donnerstag Berichte zurück, dass immer mehr Unternehmen ihren Kunden den Garantiezins von 1,75 Prozent nicht mehr zahlen könnten. Der Bund der Versicherten warnte ebenfalls vor Alarmismus. Einige Versicherer würden aber bereits versuchen, ihre Kunden zum Ausstieg aus Altverträgen mit Garantiezinsen von bis zu vier Prozent zu bewegen. Das Bundesfinanzministerium schließt in einem Reuters vorliegenden Szenario für den Bundestag nicht aus, dass einzelne Versicherer langfristig in Schwierigkeiten kommen könnten. Die Koalition lenkt deshalb bereits mit einer Reihe von Maßnahmen gegen.

Bei einem anhaltend niedrigen Leitzins von derzeit 0,75 Prozent wird es langfristig für Versicherer immer schwerer, mit ihren Anlagen am Kapitalmarkt den gesetzlichen Garantiezins zu erwirtschaften. So rentieren die in der Euro-Krise als besonders sicher geltenden zehnjährigen deutschen Bundesanleihen derzeit am Markt nur noch mit knapp 1,4 Prozent. Noch sitzen die Versicherer zwar auf alten Kapitalanlagen, die deutlich mehr abwerfen. Nach ihrem Auslaufen müssen sie aber ersetzt werden.

In dem Papier des Finanzministeriums heißt es, nach einer Untersuchung der staatlichen Aufsichtsbehörde BaFin im Jahr 2011 bringe eine anhaltende Niedrigzinsphase alleine bis 2018 keinen Lebensversicherer in Schwierigkeiten. Allerdings könne bei einer "signifikanten Anzahl der Unternehmen" die Risikotragfähigkeit sinken, warnen die Beamten. Denn sie müssen bis 2020 auch noch eine Zinszusatzreserve von insgesamt 61 Milliarden Euro aufbauen: "Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten geraten können."

Davon ist die Branche nach eigener Darstellung noch weit entfernt. "Die Meldung, dass immer mehr Lebensversicherer den Garantiezins nicht mehr in voller Höhe zahlen können, ist falsch", erklärte der Versicherer-Verband GdV. Dies hatte die "Bild-Zeitung" berichtet. Der Branchenprimus Allianz Leben erklärte, die durchschnittliche garantierte Verzinsung der bestehenden Verträge liege bei 3,2 Prozent. 2011 habe man eine Verzinsung der Kapitalanlagen von 4,6 Prozent erreicht; selbst bei Neuanlagen komme man im Schnitt auf 4,0 Prozent Rendite.

Das Finanzministerium erklärte, aufgrund der gegenwärtigen Zahlen erwarte es für 2013 keine Absenkung des Garantiezinses. Dieser war Anfang 2012 von 2,25 Prozent heruntergenommen worden.

POLITIK WACHSAM - KUNDEN SIND WÄHLER

Der Bund der Versicherten erklärte, aktuell sei keine Pleite eines Versicherers zu erwarten, immer mehr würden aber kein Neugeschäft mehr machen. "Das ist der erste Schritt hin zu einer schwierigen Situation", sagte der Vorsitzende des Bundes, Axel Kleinlein, zu Reuters-TV. Ihm zufolge bieten einige Unternehmen Altkunden mit hohem Garantiezins bereits vermeintlich attraktive neue Produkte zum Tausch an, die aber niedriger verzinst würden. Der GdV hielt dagegen, es gebe keine Strategie von Versicherern, Kunden zum Vertragswechsel auf niedriger verzinste Policen zu bewegen. Die BaFin habe zudem erst vor kurzem bestätigt, dass die Lebensversicherer ihre Verpflichtungen auch in einer extremen Niedrigzinslage noch "etliche Jahre" erfüllen könnten.

In der Politik wird die Lage der Branche genau beobachtet, schließlich handelt es sich um die beliebteste Geldanlage der Deutschen. Eine Sprecherin des Finanzministeriums sagte, die Risiken der Niedrigzinsphase seien bekannt: "Der überwiegende Teil der Kapitalanlagen der Versicherer erwirtschaftet nach wie vor höhere Renditen, so dass kurz- bis mittelfristig keine Risiken für die Erfüllung der Leistungsversprechen bestehen."

"Es besteht überhaupt kein Grund zu Alarmismus", sagte auch der finanzpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Klaus-Peter Flosbach. Risiken aus der anhaltenden Niedrigzinsphase könnten ohne ein Gegensteuern in der mittleren bis langen Frist, aber nicht heute oder morgen drohen. Nach den Plänen der Koalition sollen zur weiteren Stärkung der Versicherer Bewertungsreserven auf Kapitalanlagen künftig unter bestimmten Voraussetzungen im Versicherungsunternehmen verbleiben können. Auch wird die bisherige Trennung der Überschussbeteiligung von vor und nach 1994 abgeschlossenen Lebensversicherungsverträgen aufgehoben.

Der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick sagte, dabei stelle sich die Frage, was die Gegenleistung der Branche sei. So müsse das Unwesen der Strukturvertriebe überwunden werden. Der FDP-Finanzexperte Volker Wissing sagte, vor allem zeige sich, "dass wir so schnell wie möglich eine Stabilisierung der Euro-Zone brauchen, um wieder ein tragfähiges Zinsniveau zu erreichen."