Opel-Betriebsrat fordert Verzicht auf Werksschließungen

Dienstag, 13. November 2012, 17:51 Uhr
 

Rüsselsheim (Reuters) - Der Opel-Betriebsrat drängt die US-Konzernmutter GM, sich von Überlegungen über Werksschließungen und Massenentlassungen in Deutschland zu verabschieden.

"GM muss ein klares Bekenntnis zu allen Opel-Standorten abgeben. Ohne dies wird sich die Marke nicht wiederbeleben lassen", warnte Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Falls GM das Werk in Bochum schließen sollte oder Opel als Ganzes gar mit dem französischen Partner Peugeot zusammengelegt würde, käme dies einem Rückzug des Detroiter Autobauers aus Europa gleich. Damit würde GM dem Rivalen VW das Feld in Europa überlassen und müsste sich vom Anspruch verabschieden, weltweit Nummer eins zu werden.

GM und Volkswagen wetteifern um den Thron in der Automobilindustrie, auf dem sich der japanische Rivale Toyota in diesem Jahr beeindruckend zurückgemeldet hat. Schäfer-Klug verwies auf Nordamerika, wo die Niedersachsen GM zunehmend Konkurrenz machten. Noch sei die Marktstellung von VW dort zwar vergleichsweise klein, aber die Wachstumsraten der Wolfsburger seien enorm. In dieser Situation dürfe GM VW nicht den europäischen Markt überlassen. "GM wird den europäischen Markt mit seiner Marke Chevrolet nie so bestellen können wie mit Opel", betonte Schäfer-Klug.

General Motors verhandelt derzeit mit dem Betriebsrat über ein Sparpaket, das bis Weihnachten unter Dach und Fach sein soll. Dabei geht es auch um die Zukunft der von Schließung bedrohten Fabrik in Bochum. Parallel hatte die Opel-Mutter bislang mit Peugeot über eine gemeinschaftliche Sanierung ihres Europageschäfts gesprochen. Finanzkreisen zufolge wurden diese Gespräche nun auf Eis gelegt, weil der französische Staat seit den Peugeot gewährten Hilfen mit am Tisch sitzt. Im Gegenzug zu den Staatsgarantien hatte sich die französische Regierung Mitspracherechte gesichert und Peugeot aufgefordert, die Pläne über Stellenabbau zu überdenken. Gewerkschaften in beiden Ländern hatten zuvor befürchten, dass die beiden Autobauer im Falle einer engeren Zusammenarbeit noch tiefere Einschnitte vornehmen könnten als bisher schon geplant. GM ist seit Februar mit sieben Prozent an Peugeot beteiligt. Bislang sind beide Partner aber nicht über Vereinbarungen für vier Fahrzeugprojekte und den gemeinsamen Einkauf hinausgekommen.

AUS FÜR BOCHUM WÄRE "FATAL"

Es wäre "fatal", wenn GM jetzt beschlösse, Bochum komplett dichtzumachen, betonte Schäfer-Klug. Denn die Entscheidung wäre erst in vier Jahren wirksam, würde aber bereits jetzt das Ansehen der Marke weiter beschädigen. Opel hatte dem Betriebsrat im Juni angeboten, den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2016 zu verlängern. Im Gegenzug sollten die Arbeitnehmer akzeptieren, dass die Produktion des Familienwagens Zafira zu diesem Zeitpunkt in Bochum ausläuft und das Werk danach geschlossen wird.

Bereits die Entscheidung, die nächste Generation des Kompaktwagens Astra nicht mehr in Rüsselsheim, sondern im britischen Ellesmere Port vom Band laufen zu lassen, habe der Marke mit dem Blitz massiv geschadet, monierte der Betriebsratschef. "Seitdem straucheln wir in Deutschland." Die nächsten Jahre sollten daher dazu genutzt werden, eine Perspektive für Bochum zu entwickeln. Mit weiteren Werksschließungen würde GM dagegen dem Rivalen Volkswagen in Europa in die Hände spielen. Das Vorpreschen des Ford-Konzerns, der die Schließung dreier Werke in Europa mit insgesamt mehr als 6000 Beschäftigten angekündigt hat, dürfe nicht Vorbild sein. GM habe in den vergangenen Jahren bereits 12.000 Stellen abgebaut.

Der Absatz von Opel war in den vergangenen Monaten rapide geschrumpft, weil sich in Südeuropa kaum neue Wagen verkaufen lassen. Opel kann dies im Gegensatz zu Konkurrenten wie VW nicht durch Lieferungen in anderen Regionen wettmachen, weil GM seine Rüsselsheimer Tochter auf Europa beschränkt. Die Folge ist, dass Opel seine Werke nur zu zwei Drittel auslasten kann. Inzwischen zeichnet sich ein Umdenken in Detroit ab. Opel-Aufsichtsratschef Stephen Girsky hatte zuletzt durchblicken lassen, dass man nach Möglichkeiten suche, auch Fahrzeuge anderer GM-Marken bei Opel bauen zu lassen. Bis dieses wirkt, dürften nach Meinung von Experten jedoch noch einige Jahre vergehen.

DER LETZTE STROHHALM

Hoffnung für zumindest einen teilweisen Erhalt von Bochum schöpft Schäfer-Klug, weil sich GM dazu verpflichtet hat, zusammen mit dem Land Nordrhein-Westfalen Perspektiven für die Fabrik zu suchen. Eine Arbeitsgruppe soll prüfen, wie das Werk weiterentwickelt werden kann und Chancen ausloten, ob dort eventuell auch Fahrzeuge für andere Hersteller gebaut werden könnten. "Ich gehe davon aus, dass Opel in Bochum bleibt", demonstriert Schäfer-Klug Zuversicht. Allerdings räumt auch der Betriebsrat ein, dass derzeit fast alle Massenhersteller wegen der Absatzkrise in den Schuldenstaaten Probleme haben, ihre Werke auszulasten - und die Schwierigkeiten dürften in den nächsten Jahren noch zunehmen. Die Frage sei daher eher, in welcher Form Bochum bestehen bleibe, schränkte der Betriebsratschef ein.