Deutschland-Sparte verhagelt Zurich das Quartal

Donnerstag, 15. November 2012, 13:45 Uhr
 

Zürich (Reuters) - Wertberichtigungen und die Aufstockung der Schadenreserven in Deutschland haben der Zurich Insurance Group im dritten Quartal einen überraschend starken Gewinneinbruch eingebrockt.

Der gemessen an der Marktkapitalisierung zweitgrößte europäische Versicherer verdiente unter dem Strich 477 Millionen Dollar, wie Zurich am Donnerstag mitteilte. Das ist 62 Prozent weniger als vor einem Jahr und deutlich geringer als von Analysten prognostiziert. Diese hatten im Schnitt mit 756 Millionen Dollar gerechnet. Die Anleger reagierten mit Verkäufen: Die Zurich-Aktien rutschten 3,4 Prozent auf 224,20 Franken ab und waren damit die größten Verlierer bei den Schweizer Bluechips und den europäischen Versicherungswerten.

Bei der Deutschland-Sparte sei der Nettogewinn um rund 400 Millionen Dollar eingebrochen, beschrieb Finanzchef Pierre Wauthier den Hauptgrund für die enttäuschenden Zahlen. Zurich kam nach einer Überprüfung seines deutschen Sachversicherungsgeschäfts zum Schluss, dass die Schadenreserven vor allem für Haftpflichtversicherungen mit langer Abwicklungszeit zu gering sind und ein Teil der Abschlusskosten abgeschrieben werden muss. Beispiele dafür sind Versicherungen für Ärzte, Architekten oder Ingenieure. Kommen durch Kunstfehler eines Arztes oder durch Baumängel Menschen zu Schaden, kann das teuer werden.

Die Überprüfung des deutschen Geschäfts sei zwar noch nicht abgeschlossen, weitere Abschreibungen drohten aber nicht, versicherte Finanzchef Wauthier. "Deutschland ist wirklich eine einmalige Angelegenheit." Ähnliche Vorkommnisse dieser Tragweite in der Schadenversicherung schloss er aus.

UNRENTABLE SACHVERSICHERUNG

Das Deutschlandgeschäft verdarb Zurich auch die operative Leistung. Zwar stiegen die Prämieneinnahmen im Konzern um fünf Prozent auf 12,22 Milliarden Dollar und teure Großschäden blieben aus. Trotzdem arbeitete die Sachversicherung, die rund zwei Drittel des Geschäfts ausmacht, unrentabel: Der Schadenkostensatz betrug 102,8 Prozent. Bis zu einem Wert von 100 Prozent sind die Schäden und Verwaltungskosten durch die Prämieneinnahmen gedeckt. Ohne den Ausrutscher in Deutschland hätte sich die Kennzahl gegenüber den 97,8 Prozent von vor einem Jahr verbessert.

Auch an den Kapitalmärkten verdiente Zurich im Gegensatz zu Branchenprimus Allianz und anderen Konkurrenten weniger gut. Einen konkreten Ausblick gab der Konzern wie üblich nicht. Allianz und die italienische Generali rechnen nach einem außerordentlich gutem dritten Quartal mit Gewinnzuwächsen in diesem Jahr.

"Der Hauptgrund, Zurich-Aktien zu besitzen, bleibt die Dividende", erklärte Analyst Andy Broadfield von Barclays. "Und wir denken, das sieht momentan gut aus." Zuletzt hatten die Aktionäre 17 Franken je Aktie erhalten, entsprechend einer Dividendenrendite von 7,3 Prozent - der höchsten aller Schweizer Bluechips.

NOCH KEINE SCHÄTZUNG ZU SCHÄDEN DURCH "SANDY"

Zu den Belastungen durch den Hurrikan "Sandy" wollte sich Finanzchef Wauthier nicht äußern. "Zu diesem Zeitpunkt ist es wirklich zu früh für eine Indikation, die zu einem großen Teil auf theoretischen Modellen basieren würde, die sich von der Realität unterscheiden können." Konkrete Aussagen zu den Schäden durch den Wirbelsturm, der Ende Oktober die US-Ostküste und vor allem die Metropole New York hart getroffen hatte, sind rar. Der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück geht von Belastungen im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich aus. Experten schätzen, dass "Sandy" die Versicherungsbranche bis zu 20 Milliarden Dollar kosten und damit einer der teuersten Hurrikans werden könnte.