Deutsche Bank nimmt sich Privatkunden im Ausland vor

Freitag, 16. November 2012, 15:56 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Die Deutsche Bank setzt bei ihren ehrgeizigen Wachstumsplänen für das Privatkundengeschäft große Hoffnungen auf das Ausland.

Von den drei Milliarden Euro vor Steuern, die die Konzernsparte bis 2015 abwerfen soll, werde knapp ein Drittel von außerhalb Deutschlands kommen, sagte Privatkundenvorstand Rainer Neske am Freitag auf einer Reuters-Kundenveranstaltung in Frankfurt. "Unser internationales Geschäft ist eine Erfolgsstory, auf die wir aufbauen und die wir fortschreiben wollen." Denn auf dem umkämpften Heimatmarkt herrsche bei einer sinkenden Bevölkerungszahl ein harter Verdrängungswettbewerb vor allem mit den Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken. "Deshalb sind auch im Privatkundengeschäft die aufstrebenden Volkswirtschaften von großer Bedeutung", betonte der Top-Manager. "Wir haben mit unserer Präsenz in Indien und China bereits die Voraussetzungen für künftiges Wachstum geschaffen."

Auch in Europa stehen die Zeichen auf Expansion. "Seit 2007 haben wir unsere Kundenzahl in Italien, Spanien, Portugal, Belgien und Polen bereits von vier auf fünf Millionen gesteigert", erklärte Neske. Die Kundeneinlagen seien dort verdoppelt worden, das Kreditvolumen um 35 Prozent gestiegen. Mancherorts könne die Bank sogar höhere Margen im Kreditgeschäft durchsetzen - und das im Niedrigzinsumfeld, da viele Institute auf dem Rückzug sind. "Im Ausland sind viele Kunden aktuell froh, wenn sie überhaupt einen Kredit bekommen", sagte er. Trotz der Staatsschuldenkrise sei die Deutsche Bank in allen Märkten profitabel. Dennoch ist es bis zum ausgegebenen Drei-Milliarden-Ziel noch ein weiter Weg: In diesem Jahr dürfte Neskes Sparte gerade mal gut die Hälfte schaffen. Nach neun Monaten waren es 1,4 Milliarden Euro.

Zukäufe hat Neske in seiner Sparte auf absehbare Zeit nicht im Blick, auch keine Übernahmen einzelner Filialen im Ausland, die ihm noch zu teuer sind. "Wir sprechen derzeit ausschließlich über organisches Wachstum." Die Deutsche Bank, die heute auf 28 Millionen Privatkunden kommt, habe in den vergangenen Jahren etliche Male zugekauft, allein in Deutschland waren es die Berliner Bank, die Postbank und die Norisbank. In China ist sie an der Hua Xia Bank beteiligt. Neske betonte: "Das muss jetzt erstmal verdaut werden."

FITNESSKUR ZU HAUSE

Auf dem Heimatmarkt hat Neske der Deutschen Bank eine Rosskur veordnet. Das liegt schon allein daran, dass die neuen Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen rund ein Drittel der bis 2015 angepeilten Konzerneinsparungen von 4,5 Milliarden Euro von Neskes Bereich erwarten. Ein Großteil dürfte aus der Integration der Postbank mit ihren rund 20.000 Mitarbeitern kommen. Insider gehen davon aus, dass von den rund 2000 Stellen, die konzernweit wegfallen sollen, einige hundert aus dem Privatkundengeschäft kommen. Neske wollte keine konkrete Zahl zum Stellenabbau nennen. Es sei aber "nichts Dramatisches" zu erwarten, erklärte der 48-Jährige, der sich gerne als "Berufsoptimist" bezeichnet. Auch bei der in der Krise teilverstaatlichten Commerzbank werden Stellenstreichungen im Privatkundengeschäft erwartet. Unbestätigten Medienberichten zufolge wackeln bis zu 6000 Jobs.

Viel wichtiger ist für Neske, dass sich Banken insbesondere im Privatkundengeschäft neu definieren müssten. Grund sei die massive Vertrauenskrise. Die Kunden fragten heute viel kritischer nach. "Die Zeit des 'blinden Vertrauens' ist unwiederbringlich vorbei." Neske räumte ein, dass die Branche in den Jahren vor der Krise große Fehler gemacht habe. "Banken haben viel Vertrauen verspielt. Sie werden sich ihren Platz im Wirtschaftsleben, aber auch in der Gesellschaft insgesamt neu suchen müssen." Angesichts des gestiegenen Beratungsbedarfs der Kunden seien die Banken heute gezwungen, ihre Produkte transparent zu machen und ihre Beratungsqualität zu verbessern - auch wenn dies viel Geld koste.

Die Deutsche Bank etwa messe jetzt regelmäßig die Zufriedenheit der Kunden und habe einen "Wertekodex" für Produkte eingeführt. "Einige Produkte waren grundsätzlich falsch und sind ohne größere Überprüfung in den Verkauf gegangen", räumte Neske ein. Auch in anderen Häusern wird derzeit umgedacht: So kündigte die Commerzbank unlängst eine "Zufriedenheitsgarantie" an, um ihr schwächelndes Privatkundengeschäft anzuschieben: Wer sein Konto kündigt und der Bank die Gründe nennt, bekommt 50 Euro.

Spareinlagen werden für die Banken immer wichtiger für die Refinanzierung. Das hat sich vor allem in der Finanzkrise gezeigt, als viele Investoren am Kapitalmarkt den Geldhäusern die kalte Schulter zeigten. Die Deutsche Bank, die bislang sehr stark vom Investmentbanking abhängt, will mit dem Ausbau des Privatkundengeschäfts ihre Gewinne besser ausbalancieren. Die Diskussion über Trennbanken, also eine Abspaltung des Kapitalmarkt- vom Privatkundengeschäft, sieht der Konzern daher mit Befremden, wie Neske bekräftigte. Niemand habe bislang die Frage beantworten können, ob damit die Finanzkrise hätte verhindert werden können.

 
The logo of Germany's largest business bank, Deutsche Bank, is seen at the bank's headquarters behind twigs in Frankfurt January 31, 2012. REUTERS/Kai Pfaffenbach (GERMANY - Tags: BUSINESS LOGO)