Der Fall Adoboli - Handelsskandal mit großer Wirkung

Mittwoch, 21. November 2012, 07:46 Uhr
 

Zürich (Reuters) - Wohl noch nie hat ein einzelner Händler bei einer großen Bank so tiefe Spuren hinterlassen wie Kweku Adoboli bei UBS.

Seine Zockerei mit börsennotierten Indexfonds (ETF), die UBS im September 2011 einen Handelsverlust von 2,3 Milliarden Dollar eintrugen, schreckte zwar die reichen Kunden der Bank entgegen erster Befürchtungen nicht ab. Sie brachten weiterhin Geld zu der Bank. Dass UBS vor wenigen Wochen drastische Einschnitte im Investmentbanking und den Abbau von 10.000 Arbeitsplätzen in die Wege leitete, hat aber mit dem 32 Jahre alten Ex-Händler zu tun.

Adoboli wurde am Dienstag wegen Betrugs von einem Londoner Gericht zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Die Bank selbst will zwar keine direkte Verbindung zwischen dem Fall und dem Konzernumbau herstellen. Aber der Rücktritt von Konzernchef Oswald Grübel nach dem Skandal brachte mit Europa-Chef Sergio Ermotti einen Mann an die Spitze der UBS, der obschon gelernter Investmentbanker viel weniger an dieser Geschäftssparte hängt als sein Vorgänger. Auch der frühere Bundesbank-Präsident Axel Weber kam ein Jahr früher als geplant auf den Präsidentensessel der größten Schweizer Bank. Unter Ermottis und Webers Führung gibt die Bank das riskante Kapitalmarktgeschäft auf und wird sich in Zukunft auf den Handel mit Aktien und Devisen für Kunden und die Beratung von Unternehmen konzentrieren.

Grübel hätte sich als CEO deutlicher gegen eine solche radikale Restrukturierung gewehrt wie Ermotti sie möglicherweise auch auf Druck großer Aktionäre in die Wege leitete, ist der in Linz lehrende Schweizer Bankenprofessor Teodoro Cocca überzeugt. "Eine radikale Umorientierung hätte seine Glaubwürdigkeit infrage gestellt." Grübel sei davon ausgegangen, dass UBS auch mit schärferen Eigenkapitalregeln eine große Investmentbank betreiben könnte, sagte Martin Janssen, Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. "Ich glaube, Ermotti denkt da realistischer und hielt das nicht für machbar." Grübel wollte sich zu dieser Frage nicht äußern.

Auch Ermotti hatte dem Verfahren in London mit Sorgen entgegengeblickt. Kultur und Praktiken der Bank könnten vor Gericht zur Sprache kommen, schrieb er den UBS-Mitarbeitern Anfang September. Während des Prozesses saßen jeden Tag bis zu einem Dutzend Anwälte und PR-Leute der Bank im Gerichtsaal. Eine Stenograf schrieb für die Bank jedes Wort mit.

VERMÖGENSVERWALTUNG NICHT BEEINTRÄCHTIGT

Der zehnwöchige Prozess im Southwark Crown Court warf ein Schlaglicht auf die Atmosphäre in Handelräumen von Investmentbanken. Die Risiken, die sie eingingen, spotteten die Händler in E-Mails mit sarkastischen und sexuell angehauchten Witzen weg. Adobolis Verteidiger trug vor, die Bank bis hin zu damaligen Spartenchef Carsten Kengeter und Konzernchef Grübel habe ihre Händler zu immer größeren Risiken gedrängt und verführt. Kengeter, der einmal als der Kronprinz in der Grübel-Nachfolge galt, scheidet aus der Konzernleitung aus und soll jene Bereiche im Investmentbanking abwickeln, die Ermotti und Weber nicht mehr weiter betreiben wollen.

Die Veränderung an der UBS-Spitze fielen viel deutlicher aus als bei der französischen Großbank Societe Generale. Dort hatte der Händler Jerome Kerviel 4,9 Milliarden Euro in den Sand gesetzt. SocGen-Chef Daniel Bouton zog sich ein paar Monate später auf das Präsidium der Bank zurück. Sein Vize und Finanzchef Frederic Oudea übernahm als Konzernchef das Tagesgeschäft.

Im Vermögensverwaltungsgeschäft der UBS zeigten weder der Handelsverlust noch der Prozess gegen den Händler nennenswerte Folgen. Massenhaften Kundenabwanderungen wie etwa nach den Milliardenverlusten der UBS in der US-Hypothekenkrise und nach den amerikanischen Vorwürfen wegen Beihilfe zu Steuerhinterziehung blieben aus. Im vergangenen Quartal, als der Prozess in London anlief, sammelte die Bank bei reichen Kunden mit netto 7,7 Milliarden Franken mehr Geld ein als in jedem anderen dritten Quartal der letzten fünf Jahre. Auch nach September 2011 kam stetig neues Geld bei der Bank an. "Kurzfristig wird es einige Kunden oder potenzielle Kunden verunsichert haben, aber der Einfluss war nicht materiell", urteilte Professor Cocca.

Mit der Verurteilung des Ex-Händlers ist die Sache für die Bank noch nicht erledigt. Noch stehen die Resultate von Untersuchungen aus, die die Bankenaufsichtsbehörden in der Schweiz und in Großbritannien eingeleitet haben. Die UBS habe aber bereits Lehren gezogen, so Finanzprofessor Janssen. "Es kommt immer ein großer Lernprozess in Gang, wenn so etwas wie der 'Fall Adoboli' passiert", erklärte er. Dass das alles Einfluss auf die heutige Strategie der Bank habe, glaube er nicht. "Ich bin aber sicher, dass es UBS im Hinblick auf Corporate Governance, die Boni und die Kontrollmechanismen eine Menge gelehrt hat."

- von Albert Schmieder

 
Former UBS trader Kweko Adoboli arrives at Southwark Crown Court in London, November 19, 2012. The jury in the London trial of former UBS trader Kweku Adoboli, who is blamed for a loss of $2.3 billion, continues to consider its verdicts. REUTERS/Stefan Wermuth (BRITAIN - Tags: BUSINESS CRIME LAW)