VW gibt bei Investitionen trotz Schuldenkrise Gas

Mittwoch, 21. November 2012, 15:21 Uhr
 

Hamburg (Reuters) - Die Schuldenkrise spielt Volkswagen in die Hände: Während vielen Konkurrenten in Europa das Wasser bis zum Hals steht, steigern die Wolfsburger ihren Marktanteil und knüpfen ihr Produktionsnetz rund um den Globus enger.

Experten erwarten, dass der Aufsichtsrat am Freitag die langfristigen Investitionen hoch halten, wenn nicht sogar steigern wird. "VW hat keinen Grund, auf die Bremse zu treten. Sie werden versuchen, die Investitionsquote zu halten, um weitere Marktanteile zu gewinnen", ist Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB überzeugt. Der Kontrollrat berät jedes Jahr - üblicherweise im November - über die Investitionen für die kommenden fünf Jahre. Im vergangenen Jahr hatte der Aufsichtsrat für den Zeitraum bis 2016 Ausgaben von 62,4 Milliarden Euro genehmigt.

Ein Anstieg geht diesmal rein technisch schon mit der Übernahme von MAN und Porsche einher. Denn auch bei jüngsten Töchtern stehen Neuentwicklungen an oder werden vorbereitet. Zudem kostet die weitere Verzahnung von MAN mit der schwedischen Lkw-Schwester Scania zunächst Geld. Der Wolfsburger Konzern werde seine Investitionen nicht schon deshalb zurückschrauben, weil MAN wegen des Konjunkturabschwungs vorübergehend die Produktion drosseln müsse, sagt Frank Biller von der Landesbank Baden-Württemberg und fügt hinzu: "Ich gehe davon aus, dass VW seine hohe Investitionsgeschwindigkeit beibehalten wird." Kurzfristig könnte der Aufsichtsrat die ein oder andere Ausgabe in Europa allerdings überdenken.

Der Wolfsburger Mehrmarken-Konzern kann die Misere auf dem Heimatkontinent dank steigender Verkäufe außerhalb des krisengeschüttelten Westeuropa wettmachen und hat - trotz Übernahmen - immer noch genug Geld auf der hohen Kante, um weitere Werke hochzuziehen. Allein in China baut Volkswagen derzeit drei neue Fahrzeugwerke und hat ein weiteres Motorenwerk angekündigt. An neun Orten in dem Riesenreich produzieren die Marken VW, Audi und Skoda Fahrzeuge, Motoren oder Komponenten. Hinzu kommt eine Fabrik von MAN. Nach weiteren Standorten hält der Vorstand bereits Ausschau.

In Mexiko zieht die Oberklassetochter Audi eine eigene Produktion hoch. Im Werk in Chattanooga im US-Staat Tennessee hat VW bereits Vorkehrungen getroffen, um die Kapazitäten in einigen Jahren auszuweiten, wenn der Absatz auf dem weltweit zeitgrößten Pkw-Markt weiter stark steigt. In Russland boomt die Nachfrage; das Werk in Kaluga kann nicht alle Aufträge beliefern. Deshalb lässt VW seit einiger Zeit Fahrzeuge beim russischen Autobauer GAZ vom Band laufen.

AUCH IN EUROPA WIRD WEITER INVESTIERT

Auch in Westeuropa, wo Opel, Peugeot und Ford wegen der Absatzmisere Werke schließen müssen und Tausende Arbeiter ihre Jobs verlieren, denkt das VW-Management eher über eine Ausweitung nach. Freiwerdende Kapazitäten der Konkurrenz könnten etwa für die Produktion eines Billigautos verwendet werden, dachte jüngst ein Manager laut nach. Allerdings ist das noch Zukunftsmusik. Dass Volkswagen auch in Europa weiter kräftig investieren wird, scheint jedoch festzustehen. Darauf deuten schon Aussagen von Konzernchef Martin Winterkorn hin. Der weltweite Erfolg von VW mache "neue Investitionen" in Forschung und Entwicklung, "aber auch in Produktion und Werke" möglich, sagte Winterkorn unlängst in München. Wenn die Fertigung aus einem Land zurückgezogen werde, folge in der Regel früher oder später auch die Entwicklung. "Auch deshalb stehen wir von Volkswagen ohne Abstriche zu unseren 65 Werken und 400.000 Arbeitsplätzen hier in Europa", sagte Winterkorn.

Branchenexperten halten dennoch für möglich, dass VW die ein oder andere Ausgabe angesichts der Lage in den Krisenstaaten Südeuropas überdenkt. "Im nächsten Jahr ist es denkbar, dass Investitionen verschoben werden", sagt Albrecht Denninghoff von Silvia Quandt Research. Er glaube aber nicht, dass sich dies auf die Langfristplanung auswirken werde. "VW hat klare Wachstumsziele und wird sich noch internationaler aufstellen", meint Marc-René Tonn von M.M. Warburg. Zudem wachsen die technologischen Herausforderungen. "Die Investitionen werden weiter steigen", erwartet Tonn. Volkswagen führt derzeit mit Milliardeninvestitionen ein neues Baukaustensystem ein.

INVESTITIONEN ZEICHNEN WEG AN DIE WELTSPITZE VOR   Fortsetzung...

 
VW Tiguan cars are pictured in a production line at the plant of German carmaker Volkswagen in Wolfsburg, March 7, 2012. REUTERS/Fabian Bimmer (GERMANY - Tags: TRANSPORT BUSINESS INDUSTRIAL)