Merck setzt auf organische Dioden für Fernseher

Montag, 26. November 2012, 17:06 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Organische Leuchtdioden für ultradünne TV-Flachbildschirme sollen der Chemiesparte von Merck in den nächsten Jahren kräftig Schub verleihen.

Sind TV-Geräte auf Basis der organischen Materialien erst massentauglich, will das Darmstädter Pharma- und Spezialchemieunternehmen im OLED-Geschäft ganz vorne mitspielen. "Unser Ziel ist ganz klar, dass wir zu den Gewinnern gehören und am Ende zu einem führenden OLED-Anbieter werden", sagte der Chef der Merck-Chemiesparte, Bernd Reckmann, in einem am Montag veröffentlichten Interview mit Reuters. Organische Leuchtdioden (OLEDs) erlauben ultradünne und Energie sparende Bildschirme mit noch brillanter leuchtenden Farben als bei Flüssigkristall-Bildschirmen. Manche Experten erwarten, dass TV-Flachbildschirme auf OLED-Basis einmal die Geräte mit Flüssigkristallen ablösen werden.

Seit langem ist bekannt, dass einige organische Moleküle elektrische Energie in Licht verwandeln können. Doch erst seit kurzem sind die komplexen Herstellverfahren so weit, dass OLEDs abseits von kleineren Displays wie in Mobiltelefonen auch für TV-Flachbildschirme nutzbar werden. Anfangs habe Merck OLEDs nur als Option gesehen, sagte Reckmann. "Wir sind aber seit längerem davon überzeugt, dass OLED ein Geschäft werden wird und auch für uns ein attraktives Geschäft werden kann", sagte der Manager. Merck konzentriere sich wesentlich stärker darauf. "Wir arbeiten an der OLED-Entwicklung mit mehr als 100 Mitarbeitern - hauptsächlich in der Forschung - mit steigender Tendenz auf internationaler Basis", sagte Reckmann. Merck baue seine Aktivitäten mit Anwendungslaboren in der Nähe seiner asiatischen Kunden aus. "Es ist ein sehr signifikantes Investment."

Fernseherhersteller aus Fernost wie Sony, Panasonic aus Japan sowie ihre koreanischen Rivalen Samsung Electronics und LG Electronics bringen sich bereits in Stellung, um bald in der Lage zu sein, erschwingliche OLED-Fernseher in Massenproduktion auf den Markt zu werfen. "Wir gehen davon aus, dass es wahrscheinlich im nächsten Jahr mit hochpreisigen OLED-TVs beginnt", schätzt Reckmann. Dann seien Verkaufszahlen im tausender Bereich möglich. "Die allgemeine Erwartung ist heute, dass man um 2017, 2018 herum einen signifikanten TV-Anteil bei OLED erwarten kann in der Größenordnung von acht, zehn oder zwölf Prozent", sagte Reckmann. Der Flachbildschirm-Hersteller LG Display erwartet, dass OLED-TV-Geräte für die Verbraucher dann attraktiv werden, wenn die Preise auf das 1,3- bis 1,4-fache herkömmlicher Flüssigkristall-TV-Geräte purzeln. Für den 55-Zoll-OLED-Fernseher von Samsung, der jüngst auf der Berliner Branchenmesse IFA vorgestellt wurde, sind noch Preise um 10.000 Dollar im Gespräch.

Nach der Schätzung des Chemiemanagers werden selbst dann immer noch rund 90 Prozent der Bildschirme solche mit Flüssigkristallen sein. "Daher sind wir auch extrem zuversichtlich für das Flüssigkristallgeschäft im laufenden Jahrzehnt", sagte Reckmann. Im Geschäft mit den Kristallen, die auch in Laptops und Handy-Displays zum Einsatz kommen, ist Merck seit vielen Jahren der Marktführer, zum Teil mit hohen Margen. 2011 lag die operative Rendite bei 45,9 Prozent. Zuletzt hatte die Konkurrenz durch Chisso und DIC Corp aus Japan aber zugenommen. Daher ist es für Merck wichtig, auch in der neuen OLED-Technologie vorne mit dabei zu sein. Reckmann vergleicht die aktuelle Situation bei den OLEDs mit den Anfängen des Flüssigkristallgeschäfts in den 70 Jahren, als sich rund 20 Firmen in dem Feld tummelten. Davon setzten sich neben Merck nur einige wenige durch. "Jetzt gibt es etwa 30 Firmen, die auf dem OLED-Feld aktiv sind," sagte Reckmann.

OLED-GESCHÄFT VON ENTWICKLUNG DES TV-GERÄTE-MARKTES ABHÄNGIG

Für Merck als Materialanbieter wird Reckmann zufolge der Markt durch das Flächenwachstum bei den Displays angetrieben. Der größte Zuwachs komme daher durch den Einsatz von OLEDs bei TV-Geräten. "Je mehr Fläche, desto mehr Material wird benötigt", so lautet für Reckmann die Gleichung. "Deswegen ist es für uns wichtig, dass diese Technologie schnell in den TV-Bereich einzieht", sagte der Chemiechef.

Eine große Hürde, die Merck über eine Kooperation mit dem japanischen Druckerhersteller Seiko Epson angehen will, ist die Entwicklung von Verfahren zum Aufbringen der OLEDs auf größere Flächen. Aktuell geschieht dies über das Aufdampfen der Materialien in mehr als sieben separaten Schichten oder in Druckprozessen mit bis zu drei Schichten. Merck liefert Materialien für beide Verfahren. Künftig sollen Reckmann zufolge die Drucktechnologien, die gerade für größere Flächen noch sehr komplex sind, weiter vereinfacht werden. Der Manager erwartet, dass Zukunft für OLEDs in TV-Geräten dann richtig rosig wird, wenn die Drucktechnologie Fortschritte gemacht hat. Erste Produkte aus der Kooperation von Merck mit Seiko Epson sollen nach früheren Angaben 2015 auf den Markt kommen.

- von Frank Siebelt und Ludwig Burger