Die klassische Lebensversicherung hat bald ausgedient

Sonntag, 2. Dezember 2012, 12:38 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Alle Jahre wieder... warten deutsche Lebensversicherungs-Kunden kurz vor Weihnachten auf Nachricht von Allianz & Co.

Doch heuer wird die Rendite der Verträge im nächsten Jahr, die um diese Jahreszeit verkündet wird, für Enttäuschung sorgen. Experten rechnen mit einem Rückgang der Gesamtverzinsung im Branchenschnitt um 0,3 Prozentpunkte auf 3,6 bis 3,7 (Vorjahr: 3,93) Prozent. Denn die Versicherer stehen doppelt unter Druck: Dauerniedrigzinsen machen es ihnen schwer, die versprochenen Renditen mit ihren Anlagen zu erwirtschaften. Dazu kommt die Regulierung von "Solvency II", die langfristige Verpflichtungen bestraft. Neue Konzepte müssen her. "Denn der Kunde schreit nach Rendite", wie Allianz-Vorstand Maximilian Zimmerer sagt.

Die Lebensversicherung der Zukunft könnten ohne herkömmliche Garantie auskommen, die die Versicherer jahrzehntelang bindet. Lars Heermann sieht von der Kölner Ratingagentur Assekurata in neuen Produkten eine Chance für die Branche: "Wenn man es jetzt nicht macht, wann dann?" Den Konzernen ist der Garantiezins - im Branchenjargon Höchstrechnungszins - schon lange ein Dorn im Auge. Spätestens seit die Bundesregierung ihnen nur noch erlaubt, 1,75 Prozent auf die Vertragslaufzeit zu versprechen. Der Rest der Gesamtverzinsung, die Überschussbeteiligung, kann jedes Jahr neu festgelegt werden. "Man muss sich wirklich fragen, ob das Geschäftsmodell, wo der Garantiezins über die ganze Laufzeit festgelegt ist, noch zukunftsfähig ist", sagt Altersvorsorge-Experte Bert Rürup.

Denn beim Garantiezins stehen Aufwand und Ertrag in einem Missverhältnis: Ausreichend sichere Investments dafür zu finden, ist im Niedrigzinsumfeld schwer. Viele müssen den Reservetank befüllen, die sogenannte "Zinszusatzreserve", die ihnen der Bund auferlegt hat, um die Garantien erfüllen zu können. Das drückt auf die Rendite. Dabei kommt beim Kunden selbst von den 1,75 Prozent nur ein Bruchteil an: Bezogen auf den gesamten Beitrag seien das gerade noch 0,93 Prozent, hat die Assekurata ausgerechnet. Den Rest fressen Provisionen, Verwaltungskosten und die Risiko-Rückstellungen für den Fall auf, dass der Versicherte vorzeitig stirbt. Als Verkaufsargument taugt das längst nicht mehr.

Die Umstellung von der klassischen Lebensversicherung auf Policen mit monatlichen Renten hat das Problem noch verschärft. Denn nun müssen die Versicherer nicht wie früher im Schnitt 20 Jahre im Voraus kalkulieren, sondern bis zu 60 Jahre.

WENIGER GARANTIE - MEHR RENDITE?

Ohne Garantiezins könnte man höhere Überschussbeteiligungen zahlen, so das Kalkül. Deshalb werden die Versicherer schon im kommenden Jahr neuartige Produkte auf den Markt bringen - ohne den herkömmlichen Garantiezins. "Ich gehe fest davon aus, dass wir in Deutschland neue Garantiekonzepte sehen werden, die im Neugeschäft eine größere Rolle spielen werden", sagte Allianz-Vorstand Zimmerer. Die Münchener Rück, zu der der Erstversicherer Ergo gehört, steuert bereits um: "Wir haben den Verkauf 2012 in einem Niedrigzinsumfeld nicht forciert", sagte Finanzvorstand Jörg Schneider. "Die Münchener Rück wird ihr Produktprofil 2013 ziemlich drastisch ändern."

Assekurata-Experte Heermann ist sicher: "Die großen Anbieter werden die Vorreiter bei neuen Modellen sein. Aber sie werden die Pläne möglichst lange hinter verschlossenen Türen halten." Neue Modelle liegen längst auf dem Tisch. Die Deutsche Aktuar-Vereinigung DAV, in der die Versicherungsmathematiker zusammengeschlossen sind, hat ein Lebensversicherungs-Modell mit einem zweistufigen Garantiezins vorgelegt - einem für die ersten 15 Jahre und einem für den Rest der Laufzeit. Andere Varianten wären eine zeitlich befristete Garantie oder eine, die nur dann gilt, wenn der Kunde auch bis zum Ablauf des Vertrags durchhält. "Der Kunde will ein Sicherheitsnetz - ganz ohne Garantien wird es also nicht gehen", sagt Heermann.

SELBST DIE BAFIN ZWEIFELT

"Wir verfolgen sehr interessiert die Diskussion um alternative Konzepte mit Garantien, die vielleicht nur bestimmte Vertragslaufzeiten abdecken, aber eben nicht lebenslang gelten", sagt Generali-Deutschland-Vorstand Torsten Utecht. "Wir sind dabei, entsprechende Produktideen zu entwickeln. Wenn der Kunde sie nachfragt, werden wir vorbereitet sein." Auch mit der Finanzaufsicht BaFin, die solche Modelle genehmigen müsste, gibt es Gespräche. "Die Politik wird uns sicher keine Steine in den Weg legen", ist ein Branchenvertreter sicher. Denn sogar BaFin-Chefin Elke König, die selbst aus der Versicherungs-Branche kommt, zweifelt am aktuellen Modell.

Unter die Räder kommt mit der neuen Produktvielfalt freilich die Transparenz der Lebensversicherung. Die Überschussbeteiligung könnte als Maßstab bald ausgedient haben. "Es wird vermutlich keinen neuen Standard geben, sagt Heermann. "Das wird die Produkte schlechter vergleichbar machen - auch wenn sie für einzelne Kunden vielleicht besser passen."

 
Allianz logos are pictured in front of the headquarter of Germany's largest insurance group Allianz AG in Munich, June 22, 2006. REUTERS/Stringer