Schraubenzieher-Angriff auf Provinzial-Nordwest-Chef

Mittwoch, 5. Dezember 2012, 16:09 Uhr
 

Münster (Reuters) - Mitten im Verkaufspoker um die Provinzial Nordwest sorgt ein tätlicher Angriff auf den Konzernchef für Entsetzen in der Zentrale des Sparkassen-Versicherers.

Vorstandschef Ulrich Rüther wurde am Mittwoch kurz vor einer Betriebsversammlung in Münster von einem Unbekannten mit einem kleinen Schraubenzieher leicht verletzt, wie die Polizei und die Staatsanwaltschaft in Münster bestätigten. Betriebsratschef Albert Roer berichtete, ein Vermummter habe Rüther in die Brust gestochen. Ob es einen Zusammenhang zu den Verkaufsplänen gibt, blieb zunächst unklar. "Das ist eine Situation, die uns alle umgeworfen hat", sagte Roer.

Das Gerangel um die Zukunft des zweitgrößten öffentlichen Versicherers, um den der Branchenriese Allianz buhlt, spitzt sich unterdessen zu: Die Gewerkschaft Verdi rechnet schon in der kommenden Woche mit einer Entscheidung. Die milliardenschweren Verkaufspläne der Provinzial-Eigner hatten bei Arbeitnehmern und im Sparkassenlager für Aufregung gesorgt. Die Gewerkschaft Verdi bangt um Tausende Stellen, wenn die Allianz zum Zuge kommen sollte. Die Sparkassen fürchten einen Einbruch in die Phalanx der öffentlichen Versicherer, die ihre Policen vor allem an den Sparkassenschaltern verkaufen. Noch am Mittwoch sollten die Betriebsratschefs der fünf größten öffentlichen Versicherer Deutschlands zu einer Krisensitzung in Münster zusammenkommen.

RÜTHER WAR NUR KURZ IM KRANKENHAUS

Der Überfall auf Rüther hatte sich am Morgen ereignet, als er aus der Tiefgarage in sein Büro gehen wollte. Der Polizei zufolge konnte er das Krankenhaus nach kurzer Behandlung wieder verlassen. Die Provinzial Nordwest teilte der Belegschaft in einer E-Mail mit, der Chef werde in den nächsten Tagen wieder seiner Arbeit nachgehen können. Betriebsratsvorsitzender Roer sagte, es gebe keine klaren Anhaltspunkte dafür, dass es einen Zusammenhang mit der Betriebsversammlung gebe. Der Schock sei aber groß.

Rüther ist seit 2009 Vorstandschef der Provinzial Nordwest Holding. Der 1968 in Ibbenbüren geborene Manager war über den Gerling-Konzern und den Versicherer Ergo zur Provinzial Nordwest gekommen.

VERDI BESTÄTIGT ERSTMALS INTERESSE DER ALLIANZ

Rüther verpasste damit die Betriebsversammlung, auf der die Belegschaft über mögliche Verkaufsabsichten informiert wurde. "Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass in der kommenden Woche eine Entscheidung für Verkaufsgespräche getroffen wird", sagte Frank Fassin, der für die Gewerkschaft Verdi im Aufsichtsrat der Provinzial Nordwest sitzt, in der Veranstaltung. Verdi wisse von Kaufabsichten der Allianz. Fassin bestätigte damit erstmals, dass es sich bei dem Interessenten um den Münchener Branchenprimus handelt. Der Aufsichtsrat der Provinzial Nordwest plane noch vor Weihnachten eine außerordentliche Sitzung.

Die beiden Haupteigentümer der Versicherung kämen schon in der kommenden Woche zu getrennten Sitzungen zusammen, fügte Betriebsratschef Roer hinzu. Am 12. Dezember berate der Vorstand des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe, der 40 Prozent an der Nummer zwei unter den Sparkassen-Versicherern hält. Zwei Tage danach trete dann die Führung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) zusammen, der ebenfalls 40 Prozent in seinem Besitz hat. Der Sparkassenverband Schleswig-Holstein verfügt über 18 und der Ostdeutsche Sparkassenverband über zwei Prozent.

Hinter dem LWL stehen 18 Kreise und neun Städte im Osten von Nordrhein-Westfalen, von denen viele klamm sind. Der LWL hatte sich am deutlichsten gegen einen Verkauf der Provinzial Nordwest ausgesprochen. Die Gewerkschaft meldete aber Zweifel an: Der Aussage sei nicht zu trauen, sagte Verdi-Vertreter Fassin am Mittwoch. "Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass die Allianz nachlegt." Informationen, dass die Allianz bisher 2,25 Milliarden Euro bietet, messe die Gewerkschaft eine "hohe Glaubwürdigkeit" zu.