ThyssenKrupp setzt für Neuanfang Vorstände vor die Tür

Donnerstag, 6. Dezember 2012, 12:29 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Nach Milliardenverlusten, Korruptionsvorwürfen und der Entlassung des halben Vorstands haben Aktionäre von TyssenKrupp weitere Konsequenzen gefordert.

"Es muss eine neue Unternehmenskultur geben", sagte der Geschäftführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Thomas Hechtfischer, am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Für Kartellabsprachen, Korruption und Bestechung dürfe es keinen Platz im Konzern geben. Zudem müsse geprüft werden, ob der Aufsichtsrat unter der Führung von Gerhard Cromme seinen Kontrollpflichten nachgekommen sei. Der Personalausschuss von ThyssenKrupp hatte am Mittwochabend mit der Entlassung der Vorstände Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen Konsequenzen aus der Serie von Unregelmäßigkeiten gezogen.

"Das ist zwar radikal, aber eine gute Lösung", sagte Hechtfischer. Unter der Führung des erst seit Anfang 2011 amtierenden Vorstandschefs Heinrich Hiesinger könne ein Neuanfang gemacht werden. Zur Seite steht ihm Finanzchef Guido Kerkhoff. Der frühere Manager der Deutschen Telekom war erst im vergangenen Jahr zum Konzern gewechselt und gehört damit ebenfalls nicht zur alten Garde, die für das Missmanagement mitverantwortlich gemacht wird. Im April 2013 soll zudem der frühere nordrhein-westfälische IG Metallchef Oliver Burkhard als Personalvorstand für frischen Wind sorgen.

FRÜHERE "KRONPRINZEN" VOM HOF GEJAGT - HIESINGER HERRSCHT

An der Börse kam der Abschied der drei Vorstände gut an. Die zuletzt arg gebeutelte ThyssenKrupp-Aktie gehörte mit einem Plus von zeitweise über zwei Prozent zu den Gewinnern im Dax.

Große Hoffnungen ruhen nun auf Hiesinger. "Der macht einen guten Job", sagen Arbeitnehmervertreter. Die jüngsten Vorfälle dürften nicht von den eigentlichen Aufgaben ablenken. "Das Management soll sich darauf konzentrieren, Beschäftigung und Standorte zu sichern", sagte einer. Rund 2000 Mitarbeiter der europäischen Stahlsparte sind seit August in Kurzarbeit.

Mit dem Abschied von Berlien und Eichler ist Hiesinger nun die unangefochtene Nummer eins im Konzern. Die beiden Manager galten als Kronprinzen des früheren Vorstandschefs Ekkehard Schulz. Dieser ist wegen der Milliardenverluste bei den neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA inzwischen bei der 99-jährigen Konzernlegende Berthold Beitz in Ungnade gefallen und hat sich aus dem Aufsichtsrat zurückgezogen. Dort steht seit 2001 Cromme an der Spitze. Das Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), Daniel Bauer, sagte Reuters, es müsse gefragt werden, ob der Aufsichtsrat unter Cromme Risiken aus Stahlwerksprojekten in Übersee ausreichend geprüft habe. Hans-Peter Wodniok vom Analysehaus Alphavalue ging weiter. Cromme habe die wichtigen Entscheidungen mitgetragen. "Daher sollte er nach unserer Einschätzung zurücktreten - zumindest als Aufsichtsratchef."

ZAHLEN ZUM GESCHÄFTSJAHR ERWARTET - ABSCHREIBUNGEN DROHEN

Das Kontrollgremium kommt am Montag zusammen. Dabei wird es auch um den Abschluss des Geschäftsjahres 2011/12 (per Ende September) gehen, der am Dienstag in Essen vorgestellt wird. ThyssenKrupp drohen hohe Verluste in der Sparte Steel Americas. Womöglich muss Hiesinger auf die Stahlwerke in Brasilien und den USA erneut Milliardenabschreibungen vornehmen. Der ehemalige Siemens-Manager sucht händeringend nach Käufern für die Werke, deren Baukosten nach Pleiten, Pech und Pannen auf zwölf Milliarden Euro explodiert waren. Hiesinger will mindestens den Buchwert von sieben Milliarden Euro kassieren. Analysten haben den Wert auf nur drei bis vier Milliarden Euro beziffert. Medienberichten zufolge wollen Bieter noch weniger zahlen.

ThyssenKrupp kämpft nicht nur mit den Verlusten in Amerika, sondern ist auch in Korruptions- und Kartellfälle verwickelt. "In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach der bisherigen Führungskultur im Konzern", erklärte auch das Unternehmen nun. Zustimmung kam von der IG Metal. Die Trennung von den drei Vorständen werde von den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat als Zeichen eines grundsätzlichen Neuanfangs begrüßt. "ThyssenKrupp steht vor großen Herausforderungen und braucht das Vertrauen der Kunden und der Beschäftigten. Das geht nur mit einem echten Neuanfang", sagte Aufsichtsratsvize und IG-Metall-Vorstand Bertin Eichler.

 
The logo of German industrial conglomerate ThyssenKrupp AG is seen outside the company's headquarter in the western German city of Duisburg May 31, 2012. REUTERS/Wolfgang Rattay (GERMANY - Tags: BUSINESS COMMODITIES LOGO)