Amazons Milliarden-Steuerspardose in Luxemburg

Samstag, 8. Dezember 2012, 13:13 Uhr
 

London (Reuters) - Im Jahr 2005 zog der neue Mieter in das fünfstöckige Gebäude im malerischen Luxemburger Stadtteil Grund ein.

In dem historischen Altbau am Ufer der Alzette residierte fortan ein Ableger des weltgrößten Internet-Händlers Amazon. Ins Großherzogtum war der milliardenschwere US-Konzern allerdings nicht gekommen, um dort Bücher, CDs und andere Waren zu verkaufen, sondern um Steuern zu sparen. Niemand wirft dem Web-Giganten vor, seine Gewinne in Europa illegal durch Luxemburg in die USA geschleust zu haben - gleichwohl gingen dem Fiskus Hunderte von Millionen Euro verloren, die Amazon ohne die geschickte Steuergestaltung hätte zahlen müssen. Wie das System Amazon funktioniert, zeigen Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters in sechs Ländern.

Der Online-Pionier ist kein Einzelfall. Auch andere global agierende Konzerne wie der Kaffee-Riese Starbucks nutzen Schlupflöcher in Europa, um sich in ihrer Heimat arm zu rechnen. Der Widerstand gegen dieses Finanzgebaren wächst nicht nur in Europa - schließlich werden die Amazon-Waren über Straßen transportiert, für die andere Steuern bezahlt haben. Auch in den USA wird der Ton rauer. So spricht der demokratische US-Senator Carl Levin offen von "Tricksereien".

Nach den Reuters-Recherchen ist es Amazon.com gelungen, mit Hilfe seiner Luxemburger Firmen-Konstruktion rund zwei Milliarden Dollar steuerfrei beiseitezulegen - Geld, das nun für die Expansion der Firma genutzt wird. 2011 offenbarte Amazon, dass die US-Bundessteuerbehörde IRS eine Nachzahlung von 1,5 Milliarden Dollar fordert. Eine Stellungnahme zu den Vorgängen lehnte die Firma ab. Schriftlich erklärte ein Sprecher lediglich: "Amazon bezahlt alle anfallenden Steuern in allen Ländern, in denen wir aktiv sind."

DIE AUSGANGSLAGE - KEINE GEWINNE IN DEN USA

Um das System Amazon zu verstehen, muss man ins Jahr 1998 zurückspringen, als der Konzern Online-Geschäfte in Deutschland und Großbritannien übernahm. 2000 kam Frankreich dazu. Zunächst wurde wenig unternommen, um die neuen Ableger in den Konzern zu integrieren, wie frühere leitende Angestellte sagen. Selbst der Einkauf, in dem Amazon später mit seiner Marktmacht enormen Druck auf Lieferanten ausübte, wurde in den unterschiedlichen Märkten individuell geregelt. Ende 1999 wurde dann der Geschäftszweck der britischen Tochter von "Vermarktung und Verkauf von Büchern über das Internet" in "Bereitstellung von Dienstleistungen für andere Unternehmungen der Gruppe" geändert: Wer fortan auf "Amazon.co.uk" einkaufte, trat in eine Geschäftsbeziehung mit der US-Tochter mit Sitz in Delaware.

Ähnliche Änderungen gab es auch im Deutschland-Geschäft (www.amazon.de). Die schnell wachsenden Europa-Töchter wurden damit letztlich zu reinen Erfüllungsgehilfen, zuständig für den Versand von Päckchen und den Kundenservice. Diese Änderung der Struktur half bei der Lösung eines Problems zu Hause: Die 1995 gegründete Firma hatte bis 2003 in jedem Jahr Verlust gemacht. Das war in der damaligen Dotcom-Hysterie nicht ungewöhnlich, als mehr auf den Aktienkurs und das Potenzial als auf den Gewinn geschaut wurde. Ende 1999 schwoll der Verlust allerdings auf mehr als eine Milliarde Dollar an, so dass selbst die eigenen Buchhalter Zweifel bekamen, ob man die Summe jemals würde steuermindernd einsetzen können - denn es war damals völlig unklar, wann in den USA die Gewinnschwelle erreicht werden könnte.

Der Clou: Durch den Umbau der Europa-Töchter konnten die US-Verluste mit den Übersee-Gewinnen verrechnet werden. Im Ergebnis musste Amazon damit auf seine Auslandserträge zu Hause keine Steuern entrichten, sagt der US-Steuerrechtsexperte Stephen Shay von der Elite-Universität Harvard.

LUXEMBURG - DER IDEALE STEUERSTANDORT   Fortsetzung...

 
The logo of Amazon Europe Holding Technologies is seen at its entrance in Luxembourg in this picture taken on November 20, 2012. To match Special Report TAX-AMAZON/ REUTERS/Francois Lenoir