Wirtschaftsvertreter kritisieren Thyssen-AR-Chef Cromme

Montag, 14. Januar 2013, 17:01 Uhr
 

Düsseldorf (Reuters) - Wenige Tage vor der mit Spannung erwarteten Hauptversammlung von ThyssenKrupp gerät Aufsichtsratschef Gerhard Cromme auch bei Wirtschaftsvertretern in die Kritik.

Die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) forderte den 69-Jährigen zum Rücktritt auf. "Cromme hat eine Vorbildfunktion und dieser wird er nicht gerecht", sagte der Vize-Präsident des Verbandes, Peter Dehnen, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Präsident der Organisation ist der ehemalige Metro-Chef Hans-Joachim Körber. Ex-RWE-Boss Dietmar Kuhnt gehört dem Präsidium an. IG-Metall-Chef Berthold Huber nahm derweil den wegen Erste-Klasse-Flügen auf ThyssenKrupp-Kosten unter Druck geratenen Gewerkschaftsfunktionär Bertin Eichler in Schutz. Der Konzern wollte sich zu der Kritik aus den Reihen der Wirtschaft nicht äußern.

VARD-Vize Dehnen beklagte, es sei schwer nachvollziehbar, dass Cromme die Schuld immer nur bei anderen suche. Cromme habe die Entwicklung des Unternehmens maßgeblich mitbestimmt. Es reiche nicht aus, im Zweifelsfall ein, zwei Gutachten zu bestellen und keine Konsequenzen zu ziehen. Dehnens 2012 gegründete Organisation mit knapp 100 Mitgliedern sieht sich als Interessenverband von Aufsichtsräten.

IG METALL HÄLT AN THYSSEN-AUFSICHTSRATSVIZE EICHLER FEST

In einem Reuters vorliegenden offenen Brief vom 11. Januar an Cromme sorgen sich die Mitglieder wegen der Vorfälle bei ThyssenKrupp um den Ruf aller Aufsichtsräte. "Die Vorgänge in Ihrem Hause machen uns betroffen und sind geeignet, ein falsches Licht auf die Aufsichtsratstätigkeit und die Mandatsträger zu werfen, die in ihrer Funktion mit großer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit versuchen, gute Unternehmensführung zu praktizieren und weiterzuentwickeln." Cromme solle sein Amt niederlegen und damit ein Signal setzen. Verbands-Vize Dehnen rief ihn dazu auf, auf der Hauptversammlung die Vertrauensfrage zu stellen. Wenn Cromme nicht das Vertrauen aller Aktionäre habe, könne er den Konzern kaum repräsentieren.

Auch mehrere Aktionäre haben Cromme zum Rücktritt aufgefordert und wollen auf der Hauptversammlung am Freitag in Bochum Druck machen. An Cromme perlen die Rücktrittsforderungen bislang ab. Er wird von der Krupp-Stiftung mit der 99-jährigen Konzernlegende Berthold Beitz an der Spitze unterstützt. Die Stiftung hält gut 25 Prozent an dem Konzern und kann drei Vertreter direkt in den Aufsichtsrat entsenden. Einer davon ist Cromme. "Die Stiftung sollte ihn zurückrufen", sagte Dehnen.

Der mit Milliardenverlusten und den Folgen von Kartellverstößen kämpfende Konzern lässt prüfen, ob das Kontrollgremium seinen Pflichten ausreichend nachgekommen ist. IG-Metall-Vorstandsmitglied Eichler hatte am Freitag angekündigt, sich aus dem Kontrollgremium zurückzuziehen. Der Hauptkassierer der IG Metall hatte zugleich Vorwürfe zurückgewiesen, das Thyssen-Management wohlwollend behandelt zu haben. Es gebe keinen Grund, an der Ehre oder Kompetenz Eichlers zu zweifeln, sagte IG-Metall-Chef Berthold Huber in einem Interview des "Handelsblatts". Es gehe um fünf Erste-Klasse-Flüge im Laufe mehrerer Jahre. Diese hätten so besser nicht stattgefunden, sagte der Gewerkschaftsboss. "Aber ich sehe nicht, dass jemand dafür gleich seine Überzeugungen an den Nagel hängt, schon gar nicht Bertin Eichler." Es gebe keine Anlass für Konsequenzen für seine Gewerkschaftsposten.

- von Tom Käckenhoff