Dreamliner wegen Batterien zur Parkposition verdonnert

Donnerstag, 17. Januar 2013, 17:41 Uhr
 

Tokio/Seattle (Reuters) - Die Pannenserie beim Dreamliner von Boeing hat ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht: Fast alle der weltweit 50 Prestige-Flieger müssen auf Anordnung der Behörden wegen Batterie-Problemen auf unbestimmte Zeit am Boden bleiben.

Boeing-Chef Jim McNerney bezeichnete den 787 dennoch als sicher und versprach, so schnell wie möglich Lösungen für die Probleme zu finden. Die Zwangspause für den bislang rund 850 Mal bestellten hochmodernen Karbon-Flieger könnte Boeing aber teuer zu stehen kommen. Mit der staatlichen LOT aus Polen - dem bislang einzigen Dreamliner-Kunden in Europa - kündigte die erste Airline Schadenersatzforderungen an. Die bis Ende März vereinbarte Auslieferung dreier weiterer Maschinen macht LOT zudem von der Behebung der technischen Probleme abhängig.

Der Brand einer Batterie hatte am Mittwoch eine 787-Maschine der japanischen Fluggesellschaft All Nippon Airways (ANA) zu einer Notlandung gezwungen. Daraufhin zog die US-Luftfahrtbehörde die Notbremse: Die Airlines müssten nachweisen, dass die hochmodernen Lithium-Ion-Batterien sicher seien, bevor weitere Flüge erlaubt würde, erklärte sie. Den Zeitplan ließ die FAA völlig offen. Die Maßnahme gegen ein heimisches Unternehmen ist drastisch - zuletzt gab es Branchenexperten zufolge einen vergleichbaren Fall im Jahr 1979 nach einem tödlichen Unglück. Die Luftfahrtbehörden in Europa, Japan, Indien und Katar schlossen sich dem US-Verbot an.

In den vergangenen Tagen hatte der Airbus-Rivale neben dem Batteriebrand bereits mit zwei Treibstofflecks, einem Kabelproblem, einer Bremsstörung sowie einem zersprungenen Cockpit-Fenster für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Für Boeing beginnt das Jahr 2013 damit denkbar schlecht. Branchenexperten sagten, ein Flugverbot sei mit das Schlimmste, was einem passieren könnte. Die Nachricht, dass der US-Flugzeugbauer im vergangenen Jahr erstmals seit zehn Jahren wieder mehr Flugzeuge als Airbus verkaufen konnte, verpuffte . Boeing-Aktien gaben in New York ein Prozent auf 73,60 Dollar nach.

ZWEIFEL AN NEUER BATTERIE-TECHNOLOGIE

Japan ist bisher der größte Markt für den Dreamliner, die beiden dort führenden Fluggesellschaften ANA und Japan Airlines haben 24 der 50 Dreamliner im Dienst. Doch auch Airlines in Indien, Südamerika, Katar, Äthiopien sowie eben in Polen und den USA haben den Dreamliner in der Flotte. Die Bemühungen der betroffenen Fluggesellschaften, die Dreamliner-Flüge mit anderen Maschinen zu ersetzen, liefen auf Hochtouren. Japan Airlines strich acht Dreamliner-Flüge vorsorglich sogar bis 25. Januar. Fast 1300 Passagiere sind allein dadurch betroffen. Experten schätzten, ANA könnte die Zwangspause pro Tag rund 1,1 Millionen Dollar kosten. Ein Dreamliner der ANA blieb am Frankfurter Flughafen stecken. Er sollte eigentlich nach Japan fliegen. Qatar Airways stellte fünf Maschinen außer Dienst. Ethiopian Airlines, die als erste afrikanische Fluggesellschaft den 787 in den Betrieb genommen hatte, ließ ihre vier Maschinen vorsorglich am Boden.

Am Freitag sollen Experten von FAA, Boeing und der US-Behörde für Verkehrssicherheit in Japan gemeinsam die defekte Batterie der betroffenen Maschine inspizieren. Bei dem Akku handelt es sich um ein hochmodernes Modell. Der Nachteil dieses Typs ist aber, dass die Batterien sich bei einer Überlastung leicht entzünden können und der Brand wegen des dann frei gesetzten Chemie-Cocktails schwerer zu löschen ist als bei herkömmlichen Batterien.

Die beiden beim Dreamliner verbauten Lithium-Ionen-Batterien werden von der japanischen Firma GS Yuasa gefertigt. Die Aktien brachen in Tokio um fünf Prozent ein. Auch der A350, dessen Erstflug für Mitte 2013 erwartet wird, ist mit Lithium-Ionen-Batterien ausgestattet.

Doch Probleme mit der hochkomplexen Technik modernster Flugzeuge scheinen bei Markteinführungen dazuzugehören - ein weiteres Beispiel sind die Haarrisse beim Airbus-Superjumbo A380 vor rund einem Jahr. Experten rechneten zunächst nicht damit, dass Fluggesellschaften Bestellungen des Dreamliners stornieren würden. Voraussetzung sei aber, dass die Probleme schnell gelöst würden.

Boeing entwickelte den Dreamliner komplett neu und setzt viele neue Techniken ein - so besteht die 787 als erstes großes Verkehrsflugzeug teilweise aus Karbon. Zusammen mit anderen Leichtbau-Tricks konnte der US-Flugzeugriese damit den Verbrauch im Vergleich zu Vorgängermodellen um ein Fünftel senken - in Zeiten hoher Ölpreise ist das ein gutes Verkaufsargument, das auch in Deutschland zieht. Air Berlin hat 15 der Flieger geordert, die nach früheren Angaben ab 2015 ausgeliefert werden sollen. TUI Travel, Reisetochter des TUI-Konzerns aus Hannover, erwartet insgesamt 13 Dreamliner - den ersten bereits im Februar.

Die Produktion läuft nach Firmenangaben normal weiter. Stunden nach dem US-Flugverbot landete in Houston der vorerst letzte Dreamliner. Die Maschine war wenige Minuten vor der FAA-Ankündigung in Los Angeles gestartet. Die Passagiere sagten, der Flug verlief reibungslos. "Es war einer der entspanntesten Flüge, die ich je erlebt habe", sagte Vielflieger und Geschäftsmann Brett Boudreaux aus Louisiana nach der Landung.

 
A Japanese investigator carries a battery which was taken from the All Nippon Airways' (ANA) Boeing Co's 787 Dreamliner plane, which made an emergency landing on Wednesday, at Takamatsu airport in Takamatsu, western Japan, in this photo taken by Kyodo January 17, 2013. REUTERS/Kyodo MANDATORY CREDIT. JAPAN OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN JAPAN. ATTENTION EDITORS – THIS IMAGE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. THIS PICTURE IS DISTRIBUTED EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS