Staatsanwalt prüft Vorwurf der Bilanzfälschung bei Hess

Dienstag, 22. Januar 2013, 17:00 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Der Vorwurf der Bilanzfälschung gegen die Vorstände des Schwarzwälder Börsenneulings Hess ruft die Staatsanwaltschaft auf den Plan: "Wir prüfen derzeit, ob wir ein Ermittlungsverfahren einleiten", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz am Dienstag.

Der Aufsichtsrat des Laternenherstellers aus Villingen-Schwennigen hatte am Montag Vorstandschef Christoph Hess und Finanzchef Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanzmanipulation fristlos entlassen. Möglicherweise seien seit 2011 fingierte Umsätze ausgewiesen und die Bilanz so geschönt worden, hieß es in einer Ad-hoc-Mitteilung des Unternehmens.

Klarheit soll nun eine Sonderprüfung der Bilanz bringen, die am Dienstag begonnen habe, wie eine Hess-Sprecherin sagte. Unabhängige Wirtschaftsprüfer und Anwälte seien im Haus. Zur Dauer der Prüfung sagte sie, "es ist hoffentlich eher eine Frage von Wochen als von Monaten".

Hess war erst im Oktober an die Börse gegangen und hatte 35,65 Millionen Euro bei Anlegern eingesammelt. "Das wäre ein ganz dicker Hund, wenn falsche Angaben auch im Zulassungsprospekt Einlass gefunden hätten und den Anlegern etwas vorgegaukelt worden wäre", erklärte Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Betroffene Aktionäre müssten zunächst prüfen, ob sie Hess-Anteile nach der Veröffentlichung des Prospekts gezeichnet haben oder schon davor. "Dann greift die Prospekthaftung nämlich nicht." Viele Kleinanleger dürften betroffen sein, denn das Unternehmen hatte Sparkassen-Kunden im Schwarzwald und in Sachsen, wo die Firma einen weiteren Standort hat, bei der Zuteilung bevorzugt behandelt.

VIELE KLEINANLEGER BETROFFEN

Federführend begleitet hatte die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) den Börsengang. Ein Sprecher der Bank wollte den Verdacht der Bilanzfälschung bei der Hess AG am Dienstag nicht kommentieren. "Wir tätigen dazu heute keine Aussage", sagte er. Die Hess-Aktien waren für je 15,50 Euro verkauft worden. Eine LBBW-Studie empfiehlt die Aktie mit einem Kursziel von 19 Euro zum Kauf. Nach der Mitteilung waren die im Prime Standard notierten Hess-Aktien am Montag bis auf 5,80 Euro heruntergerauscht, am Dienstag lagen sie wieder rund 20 Prozent im Plus bei 6,80 Euro.

Geprüft und testiert hat die Hess-Bilanz 2011 die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft dhmp aus Karlsruhe. Für eine Stellungnahme standen die Buchprüfer, die dem Unternehmen im Ende Juni 2012 eine einwandfreie Bilanzierung für das Geschäftsjahr 2011 bestätigt hatten, bisher nicht zur Verfügung.

Christoph Hess ist Enkel von Firmengründer Willi Hess und führte die Gesellschaft seit 2007. Er war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sein Vater Jürgen Hess, der die Metallgießerei in einen Produzenten von Laternen und Außenlampen umwandelte, sitzt im Aufsichtsrat. Er sei "völlig überrascht" worden, zitiert ihn der "Südkurier" in seiner Dienstagausgabe. "Wir haben uns vor dem Börsengang mehrfach einem so genannten Due-Diligence-Verfahren unterziehen müssen. Diese Prüfung untersucht und bewertet genau die nun kritisierten Bereiche", sagte er der Zeitung.

Durchgegriffen hat wohl Aufsichtsrats-Chef Tim van Delden zusammen mit dem dritten AR-Mitglied Wolfgang Rombach. Der Aufsichtsrat berief jedenfalls den Sanierungsexperten Till Becker als alleinigen Vorstand. Am Freitag will sich Becker auf einer Versammlung den Mitarbeitern vorstellen.