INSIGHT-Operation Zukunft - Die Fondsbranche räumt auf

Freitag, 1. Februar 2013, 10:17 Uhr
 

Frankfurt (Reuters) - Wer sich so schick einrichtet, dem kann es nicht schlecht gehen: Büros auf mehr als 20.000 Quadratmetern in 19 Etagen, spektakuläre Dachterrassen mit Blick auf den Römer und die Frankfurter Banken-Skyline, dazu ein begrünter Innenhof und eine großzügige Tiefgarage - und das alles im Herzen der Stadt.

2014 ist es so weit, dann zieht Union Investment mit 900 Mitarbeitern in den Büroturm "MainTor Porta", der gerade aus dem Boden gestampft wird. Der Mietvertrag läuft mindestens zehn Jahre. Ein Rundum-Wohlfühlpaket für die Portfoliomanager, die täglich Milliarden anlegen. Das neue Domizil hätte sogar noch größer sein können, denn es passen längst nicht alle Mitarbeiter der Fondsgesellschaft hinein.

Doch hinter der Fassade sieht es bescheidener aus. Der erfolgsverwöhnte Vermögensverwalter der Volks- und Raiffeisenbanken hat sich gerade ein "Effizienzprogramm" verordnet, um im immer härteren Wettbewerb zu bestehen: "Union Investment 2.0". Das war ein Signal. Wenn selbst die Genossen den Rotstift ansetzen, dann steht es nicht gut um die Branche. Das Wort Sparprogramm mag Vorstandschef Hans Joachim Reinke allerdings gar nicht, auch wenn sein Haus bis 2015 jede zehnte der insgesamt 2400 Stellen abbauen will. "Wir sind ja nicht mit dem Rasenmäher über alle Bereiche gegangen mit dem Ziel, einfach Kosten zu senken." Stattdessen heißt die Devise: Das, was man gut kann, noch besser machen - und beim Rest radikal abschneiden.

Aufräumen eben. Die großen Konkurrenten machen es nicht anders, und viele Experten sagen, es wird höchste Zeit: Der Sparkassen-Fondsdienstleister Deka entrümpelt unter neuer Führung seine angestaubte Fondspalette, um die abtrünnigen Privatanleger einzufangen. Die Deutsche Bank stellt ihre Vermögensverwaltung rund um die Publikumsfondsgesellschaft DWS neu auf, um international wieder den Anschluss zu finden. Und die Allianz trimmt ihren übergewichtigen Vermögensverwalter Allianz Global Investors (AGI) auf Rendite. Das ist die lange herbeigesehnte Konsolidierung, nur findet sie eben im Kleinen statt, im eigenen Haus. Im beschaulichen Deutschland reift die Erkenntnis, die in den angelsächsischen Ländern schon vor einiger Zeit zum Abbau tausender Jobs geführt hat: Die unbeschwerten Jahre sind vorbei.

Wer auf der Gewinner- und wer auf der Verliererseite steht, ist offen. Die nächsten zwei, drei Jahre werden entscheidend sein. "Jeder muss sich fragen: Worin bin ich wirklich gut? Der Prozess hat gerade erst begonnen", ist sich der Deutschland-Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock, Dirk Klee, sicher. Klee spricht für den Musterknaben in der Branche: Die Kostenbasis ist niedrig, das Angebot breit. Es reicht von aktiv gemanagten Fonds bis hin zu "passiven" börsennotierten Indexfonds (ETFs), die Indizes eins zu eins abbilden. Als Klassenbester hat man leicht reden. Aber auch andere attestieren der heimischen Branche ungewohnt offen Nachholbedarf, etwa DWS-Chef Wolfgang Matis: "Hier konnten sich manche Häuser bisher durchaus die eine oder andere Ineffizienz erlauben."

GRÖSSE ODER NISCHE

Damit ist nun Schluss. Mit der Vermögensverwaltung für private und institutionelle Kunden lässt sich zwar immer noch Geld verdienen. Aber der Verteilungskampf wird härter, während die strengere Regulierung immer mehr Kosten verursacht. Das verwaltete Vermögen in Europa liegt seit fünf Jahren stabil bei rund 18 Billionen Dollar, rechnet die Ratingagentur Fitch vor. Das sind weniger als 14 Billionen Euro. Mittelzuflüsse kann nicht einmal die Hälfte der Gesellschaften für sich verbuchen und nur die Starken werden immer stärker - "the winner takes it all", nennen das die Experten von Boston Consulting.

Vor allem die eigentlich so lukrativen Privatkunden machen Sorgen. Sie sind von der Finanz- und Schuldenkrise so verunsichert, dass sie dem Kapitalmarkt und Investmentfonds kaum noch trauen und ihr Erspartes lieber auf Tagesgeldkonten parken oder in Lebensversicherungen anlegen, niedrige Zinsen hin oder her. Die Fondsanbieter reagieren zwar, wie Zahlen der Thomson-Reuters-Tochter Lipper zeigen: So haben AGI, DWS, Union Investment und Deka von 2008 bis 2012 hauptsächlich Aktienfonds aufgelöst oder fusioniert - und stattdessen verstärkt neue Mischfonds aufgelegt, die die "Vollkasko-Mentalität" der Kunden am besten bedienen, weil sie Anlagen breit streuen. Aber das reicht nicht, um den Markt auf breiter Front zu beleben. Und die institutionellen Investoren lassen sich von den Fondshäusern nicht mehr einfach so die Gebühren diktieren, erst recht nicht, wenn die Renditen mau sind und jeder Basispunkt zählt. Viele Pensionskassen verwalten ihre Anlagen aus Kostengründen inzwischen selbst.

So kämpft die Branche gleich an mehreren Fronten. Experten sind sich einig, dass am Ende nur zwei Arten von Fondsanbietern überleben werden - Universalanbieter wie BlackRock, die Größeneffekte ausspielen, und spezialisierte Boutiquen, die sich in der Nische einrichten und dafür auch mal teurer sein dürfen. "Mittelgroße Häuser ohne klares Profil fallen hinten runter", sagt Victor Moftakhar voraus, neuer Geschäftsführer der Deka Investment. "Einfach so mitschwimmen geht nicht mehr."   Fortsetzung...

 
The skyline with the German Commerzbank headquarters (2nd L) is pictured under a cloudy sky in downtown Frankfurt November 7, 2012. REUTERS/Lisi Niesner (GERMANY - Tags: BUSINESS)