Großaktionäre und Gläubiger schicken Hess in Insolvenz

Mittwoch, 13. Februar 2013, 15:11 Uhr
 

Stuttgart (Reuters) - Nur vier Monate nach dem Börsengang ist der Leuchtenhersteller Hess zahlungsunfähig.

Da weder die großen Anteilseigner, die Gläubiger noch andere Investoren ausreichend frisches Geld in das Unternehmen mit rund 360 Mitarbeitern stecken wollten, kündigte der Vorstand wegen Überschuldung für Mittwoch den Gang zum Insolvenzgericht an. Vor gut drei Wochen war das Vorstandsduo Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts der Bilanzfälschung geschasst worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bei dem erst im Oktober vergangenen Jahres an die Börse gegangenen Unternehmen mit Sitz in Villingen-Schwenningen auch wegen möglichen Kapitalanlagebetrugs durch falsche Angaben im Börsenprospekt.

Dieses Klagerisiko schreckt offenbar auch mögliche Geldgeber: "Aufgrund der Unsicherheiten im Hinblick auf mögliche Anlegerklagen bestehen auch keine hinreichenden Aussichten auf eine kurzfristige Eigen- beziehungsweise Fremdkapitalzufuhr durch Investoren", teilte das Unternehmen aus dem Schwarzwald mit. Eine Zerschlagung plant der früher bei Daimler beschäftigte und nun als Alleinvorstand bei Hess agierende Manager Till Becker nicht: Der Geschäftbetrieb soll im Rahmen des Insolvenzverfahrens saniert werden, hieß es.

KURSSTURZ INS BODENLOSE

Die Aktien stürzten nochmals um drei Viertel auf 90 Cent und büßten damit gegenüber dem Emissionspreis von 15,50 Euro knapp 95 Prozent des ursprünglichen Börsenwerts in Höhe von rund 80 Millionen Euro ein. "Ein ganz schlechtes Beispiel für die Aktienkultur", sagte ein Händler.

Neben der Hess AG schlitterte auch die Tochter Hess Lichttechnik GmbH in die Zahlungsunfähigkeit, die bereits seit Anfang Februar droht. Die Banken sperrten nach dem überraschenden Führungswechsel Guthaben und Kreditlinien und wollten ohne eine Finanzspritze des größten Aktionärs kein weiteres Kapital zur Verfügung stellen: Denn die Ertragslage in den Bilanzen war wohl zu positiv dargestellt worden. Zudem sei der größte Anteilseigner - die vom fristlos entlassenen Vorstandschef Christoph Hess mitkontrollierte Hess Grundstücksverwaltungs GmbH & Co. KG - den Zahlungspflichten gegenüber dem Konzern nicht nachgekommen, teilte das Unternehmen nun mit.

Der seit 1999 in der Firmengruppe tätige Manager Hess ist der Enkel von Firmengründer Willi Hess. Den Verdacht der Bilanzfälschung hat er als nicht nachvollziehbar zurückgewiesen. Wie Hess war auch Finanzchef Peter Ziegler deswegen Ende Januar fristlos vor die Tür gesetzt worden. Die Gründerfamilie hatte im Herbst vergangenen Jahres beim Börsengang Kasse gemacht und hält seitdem noch ein Drittel der Anteile. Auch der zweitgrößte Aktionär, der Finanzinvestor Holland Private Equity, reduzierte beim Gang aufs Parkett seinen Anteil. Den Altaktionären waren knapp 36 Millionen Euro zugeflossen.

Für die umstrittene Hess-Bilanz 2011 mit einem Umsatz von knapp 70 Millionen Euro und einem Überschuss von knapp 1,3 Millionen Euro hatte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft dhmp ein ungeschränktes Testat erteilt. Wegen der seit 2009 durchgängig negativen Cashflows vor Finanzierung reichten die Finanzmittel aber zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs in diesem und im kommenden Geschäftsjahr nicht mehr aus, begründete Alleinvorstand Becker nun den Gang zum Insolvenzrichter. Für die Gesellschaft bestehe insgesamt "eine negative Fortführungsprognose".