Chemiebranche bekommt Ölpreisexplosion zu spüren
Frankfurt (Reuters) - Die explodierenden Rohölpreise bremsen das seit Jahren hohe Wachstumstempo der deutschen Chemieindustrie.
"Im zweiten Halbjahr wird sich das Wachstum in der deutschen Chemie weiter abflachen", prognostizierte der Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), Ulrich Lehner, am Donnerstag in Frankfurt. Zwar federe der starke Euro den Kostenanstieg durch die immer teurer werdenden Rohstoffe etwas ab. Dennoch sei die Belastung für Deutschlands viertgrößten Industriezweig deutlich gestiegen. "Und die amerikanische Volkswirtschaft steht am Rande der Rezession oder teilweise schon mittendrin", sagte Lehner. In den kommenden Monaten würden die Unternehmen dies stärker als bislang zu spüren bekommen. Durch die höheren Kosten kämen die Gewinnmargen unter Druck.
Die Chemiebranche verbraucht jährlich rund 18 Millionen Tonnen Rohölprodukte. Diese dienen zu mehr als 90 Prozent als Rohstoff und nur zu gut fünf Prozent als Energielieferant. Viele Branchengrößen hatten wegen der gestiegenen Rohstoffkosten zuletzt teils drastische Preiserhöhungen angekündigt. Mit einer Entspannung beim Rohöl rechnet der Verbandschef nicht. "Wir gehen davon aus, dass der Ölpreis nicht fällt", sagte Lehner. Rohöl der Nordseemarke Brent kletterte am Donnerstag erstmals über die Marke von 145 Dollar pro Fass (159 Liter).
VERBANDSCHEF VERBREITET NICHT NUR MOLLTÖNE
Dennoch hält sich der Pessimismus der Branche in Grenzen. Zwar sei mit einem schwächeren Geschäft mit Industriekunden in Europa zu rechnen. "Wir gehen aber davon aus, dass die Industrie keinen Einbruch erlebt", sagte Lehner. Dank eines konjunkturunabhängigen Pharmabereichs und der boomenden Wirtschaft in Asien werde die Nachfrage nach Chemikalien "einigermaßen stabil" bleiben.
Immerhin werde die Branche dieses Jahr ihre Produktion voraussichtlich noch um 2,5 Prozent ausweiten nach fünf Prozent im Vorjahr. Beim Branchenumsatz erhöhte Lehner sogar die Prognose auf ein Wachstum von 5,5 Prozent, nachdem bislang 4,5 Prozent erwartet wurden. Dies liegt auch daran, dass die Unternehmen gestiegene Rohstoffkosten teilweise an ihre Kunden abwälzen können. So rechnet der Verband für 2008 mit einem Anstieg der Erzeugerpreise von 3,5 Prozent - bisher wurden rund zwei Prozent in Aussicht gestellt.
"Die deutsche Chemieindustrie ist robuster geworden. Robuster als sie es früher unter ähnlichen schwierigen Bedingungen war", sagte Lehner. Die Unternehmen seien inzwischen schlanker und produzierten kosteneffizienter und seien damit international wettbewerbsfähiger. Zudem profitiere die deutsche Chemie besonders stark vom Wachstum in Mittel- und Osteuropa. "Wir trauen uns zu, die Produktion in der deutschen Chemieindustrie bis zum Jahr 2020 um durchschnittlich drei Prozent pro Jahr zu steigern", gab sich Lehner optimistisch. In den 90er Jahren waren es im Schnitt jährlich nur zwei Prozent.
Im ersten Halbjahr konnten die Chemieunternehmen ihre Produktion insgesamt um drei Prozent ausweiten. Dabei erhöhten sie ihre Preise um 3,5 Prozent und setzten mit 88,9 Milliarden Euro 5,5 Prozent mehr um als im Vorjahreszeitraum. 439.000 Beschäftigte hatte die Branche im ersten Halbjahr - das sind 0,3 Prozent weniger als vor Jahresfrist.
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