Afghanistan würdigt deutsche Hilfe bei Militärausbildung | Reuters
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Ausland | Montag, 12. November 2012, 11:40 Uhr

Afghanistan würdigt deutsche Hilfe bei Militärausbildung

Kabul Afghanistan wünscht sich von Deutschland nach dem Ende des Kampfeinsatzes 2014 mehr Hilfe bei der Beseitigung der tödlichen Sprengfallen, die eine der größten Gefahren für Zivilisten und Sicherheitskräfte in dem bitterarmen Land sind.

"Die Feinde Afghanistans nutzen Sprengfallen als Haupttaktik in ihrem Aufstand, und wir haben deshalb viele Opfer zu beklagen", sagte der afghanische Verteidigungsminister Bismullah Chan nach einem Treffen mit seinem deutschen Kollegen Thomas de Maiziere am Montag in Kabul. Er bat de Maiziere daher, die deutsche Pionierschule in Masar-i-Scharif mit ihrem Ausbildungsgang zur Kampfmittelbeseitigung so weit auszubauen wie nur irgend möglich. Auch die deutsche Logistikschule in Kabul werde nach 2014 weitere Hilfe brauchen.

De Maiziere bezeichnete die Unterstützung afghanischer Militärschulen durch die Bundeswehr als ein mögliches Szenario für die Zeit ab 2015. Die Aufgabenverteilung müsse jedoch in der Nato koordiniert werden, und die Wünsche der afghanischen Regierung Priorität müssten haben, betonte er. Zurückhaltend äußerte sich de Maiziere zum Wunsch der Afghanen nach Waffenlieferungen. Bisher lieferten vor allem die USA Ausrüstungen für die afghanischen Sicherheitskräfte. "Ich vermute, das wird auch so bleiben", sagt der Minister.

Chan lobte die Ausbildung an der deutschen Pionierschule in Masar-i-Scharif, wo Soldaten und Polizisten zu Experten für die Entdeckung und Beseitigung von Sprengfallen, im Militärjargon IEDs genannt, weitergebildet werden. "Die deutsche Counter-IED-Schule leistet viel bei der Ausbildung unserer Sicherheitskräfte", sagte Chan. Das gleiche gelte für die Logistikschule in Kabul. "Ihr Engagement in diesem Bereich ist ungeheuer wichtig für unsere Polizisten und Soldaten ... Es hat den Aufbau unserer Sicherheitskräfte entscheidend vorangebracht", erklärte Chan.

De Maiziere zollte der afghanischen Armee seinen Respekt. "Der quantitative Ausbau ist nahezu erreicht, die Qualität ist sehr gut geworden", sagte er in Kabul. "Die afghanischen Soldaten sind tapfer, sie haben hohe Verluste, aber wir bewundern ihre Kampfkraft und die Mentalität, mit der sie den Kampf bestehen."

Die internationalen Kampftruppen sollen Afghanistan bis Ende 2014 verlassen. Derzeit laufen die Beratungen über die Zeit danach. In den folgenden Jahren sollen zwar weiter ausländische Truppen am Hindukusch bleiben, ihr Auftrag wird aber in der Beratung und Unterstützung liegen. Seit mehreren Jahren übertragen die Soldaten der Nato-Truppe ISAF den einheimischen Sicherheitskräften immer mehr Aufgaben, um sie langsam soweit zu bringen, dass sie die Verantwortung für die Sicherheit im gesamten Land tragen können. 80 Prozent der gemeinsamen Einsätze werden nach ISAF-Angaben inzwischen von Afghanen geplant und geführt. In den Gebieten, die der Obhut der afghanischen Sicherheitskräfte übergeben wurden, sei die Zahl der Anschläge um 15 bis 17 Prozent gesunken, sagte der deutsche General und ISAF-Sprecher Günter Katz.

Einen schweren Rückschlag erlitt die ISAF dieses Jahr jedoch durch den drastischen Anstieg der Angriffe afghanischer Polizisten und Soldaten auf die internationale Truppe. Bei 45 derartigen Zwischenfällen wurden dieses Jahr bereits 61 Soldaten getötet, zuletzt am Sonntag ein Brite in Helmand im Süden des Landes. 2011 fielen bei 21 derartigen Angriffen 35 ausländische Soldaten.

Die afghanische Armee klagt darüber, dass ihr schwere Waffen und eine Luftwaffe fehlten, um die radikal-islamischen Taliban effektiv unter Kontrolle zu halten. De Maiziere sagte dazu, er wisse, dass es den Afghanen an manchen Waffen mangele. Waffenlieferungen müssten aber koordiniert und zudem mit einem Logistik-Konzept verknüpft werden. "Es macht keinen Sinn, wenn jedes Land ein paar Fahrzeuge, ein paar Hubschrauber und ein paar Flugzeuge spendiert", sagte der Minister. Darüber müsse die Nato beraten.

Ein Problem bei den afghanischen Sicherheitskräften ist seit Jahren die praktisch nicht existente Logistik und Instandsetzung. Dies führt dazu, dass Fahrzeuge kaputtgefahren werden, Kasernen verdrecken und moderne Technik mangels Wartung häufig schnell den Geist aufgibt.

Auf die Frage, ob Deutschland sich nach 2014 am Aufbau einer afghanischen Luftwaffe beteiligen werde, äußerte sich de Maiziere zurückhaltend. Es sei noch zu früh für eine Aussage, erklärte er. "Bisher liegt der Schwerpunkt der Aufgabe der Ausrüstung bei den Amerikanern", sagte er. "Ich vermute, das wird auch so bleiben."

De Maiziere war am Morgen erstmals mit einem ungeschützten zivilen Airbus der Bundesregierung auf dem Flughafen der nordafghanischen Großstadt Masar-i-Scharif gelandet. Die stabilere Sicherheitslage in der Region habe dies möglich gemacht, hieß es. Bisher waren deutsche Regierungsmitglieder auf dem Weg nach Afghanistan stets im usbekischen Termes in Militärmaschinen umgestiegen, die über Schutzmechanismen gegen Raketen-Beschuss verfügen. Mit dem Direktflug wollte das Verteidigungsministerium auch verhindern, dass Usbekistan den Ministerflug auf das Kontingent der wöchentlichen Truppentransporte anrechnet. Dies sei in der Vergangenheit entgegen den vertraglichen Regelungen zwischen den beiden Staaten geschehen. Deutschland zahlt viel Geld für die Nutzung des Stützpunktes in Usbekistan; trotzdem kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten. Termes ist das Nachschub-Drehkreuz für den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch. Derzeit tun dort und in Afghanistan knapp 4800 deutsche Soldaten Dienst.

Der Flughafen von Masar-i-Scharif liegt am Rande des großen internationalen Militärcamps, in dem auch die Bundeswehr ihr Hauptquartier hat. Er wird aber auch von zivilen Maschinen genutzt. Zuletzt wurde dort ein neues ziviles Terminal mit einer Kapazität von 400.000 Passagieren im Jahr gebaut, nachdem der nicht-militärische Flugbetrieb auf dem wichtigsten Flughafen Nord-Afghanistans in den vergangenen vier Jahren um 240 Prozent zugenommen hatte. Pro Monat verzeichnet der zivile Flughafen derzeit rund 40 internationale Flüge, darunter nach Dubai, Teheran, Pakistan und Katar, sowie 250 Inlandsflüge. Das Bundesinnenministerium hilft bei der Ausbildung des Sicherheitspersonals.

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