Unternehmen | Donnerstag, 31. Januar 2013, 15:58 Uhr

Altlasten ramponieren Bilanz der neuen Deutschen Bank

Frankfurt Klagen, Konzernumbau, Kulturwandel - und ein Milliardenverlust im vierten Quartal: Das neue Führungsduo der Deutschen Bank geht mit einem Rucksack voller Probleme ins Jahr 2013.

Anshu Jain und Jürgen Fitschen machen sich keine Illusionen. "Wir befinden uns immer noch am Anfang einer langen Reise", sagte Jain am Donnerstag in Frankfurt auf der ersten Bilanzpressekonferenz im Chefsessel. Die Neuaufstellung von Deutschlands größtem Geldhaus werde Jahre dauern, nicht Monate, kündigte der erfolgsverwöhnte Investmentbanker an. Wenigstens beim Thema Kapital kommt die Bank schneller voran als gedacht und schließt allmählich zur internationalen Konkurrenz auf. Das sorgte für große Erleichterung bei den Anlegern, die in den vergangenen Monaten immer wieder über eine Kapitalerhöhung spekuliert hatten.

"Kapitalaufbau ist unsere Top-Priorität", gab Jain die Richtung vor. Dem ordnete die Deutsche Bank im vergangenen Jahr alles andere unter, was zur schlechtesten Bilanz seit dem Finanzkrisenjahr 2008 führte: Im Schlussquartal stand sogar ein Verlust von 2,2 Milliarden Euro zu Buche. Im Gesamtjahr reichte es nur noch für einen Mini-Gewinn von 700 Millionen Euro.

An der Börse spielte das keine Rolle. Die Deutsche-Bank-Aktie legte gegen den Markttrend fast drei Prozent zu. Hier standen die Fortschritte bei der Kapitalaufstockung im Mittelpunkt, mit der die Bank alle überrascht hatte. Die Bank schob Wertpapiere im Volumen von 120 Milliarden Euro in eine interne "Bad Bank". Diese sollen nun beschleunigt abgebaut werden - auch unter Inkaufnahme von Verlusten. Das trieb die Eigenkapitaldecke nach den neuen, verschärften Standards auf acht Prozent. Ein Jahr zuvor waren es weniger als sechs Prozent. "Wir haben den Rückstand zur Konkurrenz verringert - aber wir sind immer noch am unteren Ende", sagte Jain. Die geringe Kapitaldecke hatte Anlegern am meisten Sorgen gemacht. "Wir haben zugehört und wir haben geliefert", sagte Jain. Analyst Kian Abouhossein von J.P. Morgan Cazenove stufte die Aktie hoch.

Mit der Kapitalaufstockung habe es sich die Deutsche Bank erspart, die Aktionäre um mindestens acht Milliarden Euro frisches Kapital zu bitten. "Das ist die wichtigste Botschaft des Tages: dass es keine Kapitalerhöhung gibt", sagte Metzler-Analyst Guido Hoymann. Ein Hintertürchen hält sich Jain offen: "Plan A bleibt eine Kapitalstärkung aus eigener Kraft, ich kann aber in einer unsicheren Welt nichts ausschließen."

PROTESTE VOR DER TÜR

Zweieinhalb Stunden nahmen sich Jain und Fitschen Zeit, denn das Bild der Bank in der Öffentlichkeit ist ramponiert. Vor der Tür machten zwei Dutzend Aktivisten ihrem Unmut darüber Luft, dass das Institut das Geschäft mit Nahrungsmittelspekulationen wieder aufgenommen hat, weil es keinen Zusammenhang zwischen dem Rohstoffhandel und dem Hunger in der Welt sieht. Fitschen sagte zu der Entscheidung: "Wir haben uns das nicht leicht gemacht."

Das Thema Kulturwandel bleibt ganz oben auf der Agenda. Boni-Exzesse, die jahrelang für falsche Anreize gerade bei den hochbezahlten Investmentbankern gesorgt hatten, soll es nicht mehr geben. Der Bonus-Pool für 2012 schrumpfte um zwölf Prozent auf 3,2 Milliarden Euro zusammen. "Es gibt keine Kompromisse. Wer sich nicht vorbehaltlos zu diesen Werten bekennen kann, der ist bei der Deutschen Bank am falschen Ort", machte Fitschen klar.

Die Altlasten dürften die Deutsche Bank aber noch lange beschäftigen, wie Fitschen zugab. Insgesamt hat die Bank für Rechtsstreitigkeiten knapp vier Milliarden Euro zurückgestellt, 1,8 Milliarden davon belasten den Gewinn. Finanzkreisen zufolge sind darin auch die Kosten für eine drohende juristische Niederlage gegen die Erben des Medienunternehmers Leo Kirch einkalkuliert. Das Frankfurter Haus ist nicht nur in den Skandal um Manipulationen des Libor-Interbankenzinses verstrickt, in den USA sind auch viele Klagen wegen fauler Hypothekenpapiere anhängig. In Deutschland machte die Bank Schlagzeilen mit einer Großrazzia im Zuge der Ermittlungen wegen Steuerbetrugs im CO2-Handel. Die Fälle sind längst nicht ausgestanden: Beim Libor denkt die Bank über einen Vergleich aller beteiligten Institute nach. Doch Rechtsvorstand Stephan Leithner hält es jedoch "praktisch für ausgeschlossen", dass der Fall 2013 zum Abschluss kommt.

JOBABBAU IN VOLLEM GANGE

Vor Steuern schaffte die Deutsche Bank 2012 einen Gewinn von 1,4 Milliarden Euro nach 5,4 Milliarden im Jahr zuvor. Das einst vom Ex-Vorstandschef Josef Ackermann ausgegebene Ziel von zehn Milliarden Euro ist damit außer Reichweite. Eine Prognose für 2013 gibt es nicht, obgleich das Institut die Konjunktur wieder besser einschätzt und in der Euro-Schuldenkrise das Schlimmste für überstanden hält. Der Abstand zu den großen US-Rivalen wie JP Morgan ist riesig, und hierzulande wird die Deutsche Bank beim Gewinn inzwischen sogar von der staatlichen Förderbank KfW abgehängt. Die Aktionäre sollen mit einer stabilen Dividende von 75 Cent je Aktie bei der Stange gehalten werden.

Jain und Fitschen planen ohnehin bis 2015. Bis dahin wollen sie die Kostenbasis um 4,5 Milliarden Euro senken. Der Jobabbau ist in vollem Gange: Im Investmentbanking sind die meisten der 1500 zu streichenden Stellen schon weg, in der schwächelnden Vermögensverwaltung wurden 600 Jobs gestrichen. Hier geht der Abbau weiter, etwa bei der Privatbank Sal. Oppenheim, die auf Rendite getrimmt wird. Im Ausland sollen rund 8000 Stellen von teuren Standorten wie New York und Hongkong an Niedriglohn-Standorte verlagert werden.

NUR DAS PRIVATKUNDENGESCHÄFT VERDIENT GELD

Die Investmentbank (CB&S), in guten Zeiten Gewinnbringer Nummer eins, lieferte im vierten Quartal nicht. Hier schlugen Abschreibungen auf Wertpapiere durch: Vor Steuern stand ein Verlust von gut einer halben Milliarde Euro. Auch die Vermögensverwaltung, die mitten im Umbau steckt, rutschte mit 260 Millionen Euro ins Minus. Nur das Privatkundengeschäft um die Postbank schaffte im Schlussquartal einen Gewinn, er war mit 287 Millionen Euro aber ebenfalls rückläufig. Grund dafür sind die niedrigen Zinsen, die derzeit allen Banken zu schaffen machen.

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