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Inland | Mittwoch, 21. Dezember 2011, 13:58 Uhr

Wulff führte Kreditverhandlungen auch mit Egon Geerkens

Berlin Bundespräsident Christian Wulff kommt aus den Schlagzeilen um seinen umstrittenen Privatkredit nicht heraus.

Sein Anwalt bestätigte nun, dass der Unternehmer Egon Geerkens an den Verhandlungen über das Darlehen seiner Ehefrau an den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten im Jahr 2008 beteiligt war. Gleichzeitig bekam Wulff demonstrativ Rückhalt aus der schwarz-gelben Koalition. Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU) sagte der "Berliner Zeitung", er habe "volles Vertrauen" zum Staatsoberhaupt, der "sein Amt hervorragend" ausübe. Einen Rücktritt Wulffs schloss de Maiziere indirekt aus. Unterstützung erhielt das Staatsoberhaupt auch von den CSU-Politikerinnen Ilse Aigner und Gerda Hasselfeldt.

Die Anti-Korruptions-Vereinigung Transparency International zeigte sich empört. "Wäre Herr Wulff ein Oberamtsrat, würde man ihm das, was jetzt bekannt ist, als bösen Anschein auslegen und eine Untersuchung anstrengen", sagte die Vorsitzende Edda Müller im rbb-Inforadio. Ein kleiner Beamter müsse beim bloßen Verdacht der Vorteilsnahme Konsequenzen befürchten. Der konservative Kölner Kardinal Joachim Meißner rückte den Bundespräsidenten in einer Fernsehsendung des WDR laut Medienberichten in die Nähe eines "armen Sünders". Er beneide ihn nicht darum, in dieser Situation die Weihnachtsansprache zu halten: "Ich würde ihm das nicht raten." Plan war, die Ansprache am Mittwoch aufzuzeichnen.

In der Bevölkerung verliert der Bundespräsident nach Umfragen zwar drastisch an Ansehen. Einen Rücktritt fordern aber die wenigsten. Einer Forsa-Umfrage für das Magazin "Stern" zufolge hat Wulff bei 31 Prozent an Ansehen verloren. Einen Rücktritt lehne eine große Mehrheit von 79 Prozent aber ab. Die "Bild"-Zeitung berichtete von einer Umfrage des Instituts YouGov, wonach 56 Prozent der Befragten gesagt hätten, Wulff habe für sie "stark" an Glaubwürdigkeit verloren.

GEERKENS BERIET AUCH BEI DER IMMOBILIENSUCHE

Egon Geerkens beriet seinerzeit Wulff auch bei der Auswahl des Hauses, für dessen Kauf sich Wulff später Geld bei Geerkens' Frau lieh. "Die Modalitäten wurden gemeinsam besprochen, das Darlehen von Frau Edith Geerkens gewährt", heißt es in der Stellungnahme des Wulff-Anwaltes Gernot Lehr, die am Mittwoch auch Reuters vorlag. Der Anwalt bestätigte damit Tage später eine Darstellung, über die das Magazin "Der Spiegel" bereits vorige Woche aufgrund von Geerkens-Aussagen berichtet hatte.

Wulff steht in der Kritik, weil er 2010 vor dem Landtag in Hannover versichert hatte, er habe keine geschäftlichen Beziehungen zum Unternehmer Geerkens. Den zinsgünstigen 500.000-Euro-Kredit der Ehefrau erwähnte er nicht. Am Wochenende hatte er offen gelegt, dass er als Ministerpräsident mehrfach den Urlaub in Feriendomizilen von Unternehmern verbrachte.

Auch als Bundespräsident hatte Wulff in der vergangenen Woche wiederholt, er habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Egon Geerkens unterhalten.

"Der Darlehensgewährung vorausgegangen war die Suche des Ehepaars Wulff nach einer geeigneten Immobilie", schrieb sein Anwalt Lehr nun. "Hierin war Herr Egon Geerkens aufgrund seines besonderen Sachverstands und der freundschaftlichen Beziehungen eingebunden. In diesem Zusammenhang ging die Initiative für ein Privatdarlehen von Frau Edith Geerkens aus."

"STERN": WULFF TRENNTE LAUT ANWÄLTEN PRIVATES VOM DIENST

Wie der "Stern" berichtet, versicherten Wulffs Anwälte auch, dieser habe im Umgang mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden des Hannoveraner Verscherungskonzerns Talanx, Wolf-Dieter Baumgartl, Dienstliches und Privates "immer klar getrennt". Wulff und seine Frau hatten im März 2008 eine Woche Urlaub in Baumgartls Villa in der Toskana gemacht. Wulff habe sich in der Vergangenheit für den Konzern politisch eingesetzt, schreibt das Magazin - etwa 2004 beim Alterseinkünftegesetz, das Interessen von Lebensversicherern wie Talanx berührt habe.

Der Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim verwies laut "Stern" auf einen engen zeitlichen Zusammenhang zwischen Wulffs Hauskauf am 1. Oktober 2008, dem am 25. Oktober gewährten Kredit und einer Reise nach China und Indien ab dem 2. Oktober, bei der sich Wulff auch von Egon Geerkens habe begleiten lassen.

Der niedersächsische SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy, der Ende November den Bundespräsidenten auf einer Reise nach Indonesien begleitet hatte, warf Wulff mangelnde Aufklärung vor. Wulff taktiere und mache die Dinge damit schlimmer als sie seien, sagte Edathy im Deutschlandfunk: "Wir haben das bei Herrn zu Guttenberg erlebt: Erst wird dementiert, dann wird behauptet, es gäbe Missverständnisse, das eigene Verhalten des Amtsträgers sei fehlinterpretierbar, dann wird eine Teilentschuldigung vorgenommen. Das ist alles eine Taktik." Guttenberg war als Verteidigungsminister zurückgetreten, weil er bei seiner Doktorarbeit von anderen abgeschrieben hatte.

CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt forderte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" ein Ende der Debatte "aus Respekt vor dem Amt". Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sagte der "Rheinischen Post", Wulff habe alles offen gelegt: "Das ist das Wichtigste." Mit einem Rücktritt rechnet die Koalition offenbar nicht. De Maiziere sagte auf die Frage, ob demnächst die Neuwahl des Bundespräsidenten anstehe: "Das glaube ich nicht."

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