Unternehmen | Donnerstag, 23. Februar 2012, 19:07 Uhr

Commerzbank vertröstet Anleger auf 2015

Frankfurt Commerzbank-Chef Martin Blessing vertröstet die Aktionäre nochmals um drei Jahre.

"Wir haben uns nicht auf Dauer von dem Gewinnziel von vier Milliarden Euro verabschiedet - aber wir werden es erst 2015 erreichen", sagte er am Donnerstag in Frankfurt. Die Staatsschuldenkrise drückte den Gewinn von Deutschlands zweitgrößter Bank 2011 um mehr als die Hälfte auf gut 600 Millionen Euro. Für das laufende und das nächste Jahr traut Blessing sich keine konkrete Gewinnprognose zu: "Da ist mir die Unsicherheit zu groß." Nach Milliarden-Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen bereitet sich die Commerzbank nun auf eine Abschwächung der Konjunktur vor.

Nach der Übernahme der Dresdner Bank hatte Blessing für 2012 einen Gewinn von vier Milliarden Euro vor Steuern in Aussicht gestellt. Doch davon hat er sich längst verabschiedet. Bei der Commerzbank stehen andere Probleme im Vordergrund: die Erfüllung der höheren Eigenkapitalanforderungen der EU-Bankenaufsicht EBA sowie das Staats- und Immobilienfinanzierungsgeschäft der Eurohypo. Sie verbuchte 2011 mit fast vier Milliarden Euro den höchsten Verlust ihrer Geschichte. "Das Segment bleibt eine deutliche Belastung für die Bank. Eine schnelle Lösung, um die toxischen Papiere loszuwerden, ist nicht in Sicht", sagte Silvia-Quandt-Analyst Christian Muschick.

Nur ein Sondereffekt - der rund 1,1 Milliarden Euro schwere Rückkauf von Hybridpapieren unter dem Buchwert - verhalf der Commerzbank zu einem Nettogewinn. "Mit dem Konzernergebnis von 638 Millionen Euro für 2011 können wir nicht zufrieden sein", sagte der scheidende Finanzvorstand Eric Strutz. Er will Ende März eine Auszeit von mehr als zwei Jahren nehmen.

In der Zwischenzeit soll sich strategisch wenig ändern. Die Commerzbank wolle in ihren Kernmärkten Deutschland und Polen weiter wachsen, gab Vorstandschef Blessing als Stoßrichtung vor. "Da kann man noch eine Menge erreichen." Voraussichtlich wird er ohnehin kaum Gelegenheit zu Zukäufen bekommen. Bankkreisen zufolge will die EU das Institut für längere Zeit zum Verzicht auf Akquisitionen zwingen - als Gegenleistung dafür, dass sie die unverkäufliche Eurohypo doch behalten will. Die EU fordert bisher einen Verkauf bis 2014.

"Wir werden die Eurohypo zurückbauen", kündigte Blessing an. Sie hatte sich ohnehin aus 20 Immobilienmärkten zurückgezogen, von den zehn verbliebenen Ländern könnten weitere wegfallen. Nach Reuters-Informationen soll der gesunde Kern der Eurohypo in die Commerzbank integriert und der Rest abgewickelt werden.

COMMERZBANK SIEHT SICH "WETTERFEST"

In der Eurohypo trifft die Staatsschuldenkrise die Bank am stärksten. Allein ihre griechischen Staatsanleihen im Wert von 3,1 Milliarden Euro mussten 2011 um 2,3 Milliarden abgeschrieben werden - 74 Prozent. Die wie die Commerzbank teilverstaatlichte britische Royal Bank of Scotland hat sie sogar um 79 Prozent wertberichtigt. Banken wie die französische Credit Agricole, die im vierten Quartal gut drei Milliarden Euro Verlust schrieb, sehen schon die nächste Rezession am Horizont: "Wir sind in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929", sagte ihr Chef Jean-Paul Chifflet.

Die Commerzbank geht für Deutschland dagegen für 2012 von einem Wachstum um ein halbes Prozent aus. Vorstandschef Blessing hält das Geschäftsmodell der Bank mit ihren Firmen- und Privatkunden in Deutschland und Polen aber für "wetterfest". Die 2011 um 40 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro gesunkenen Rückstellungen für faule Kredite sollen in diesem Jahr nur um 300 Millionen Euro steigen. Für das erste Halbjahr 2012 rechnet Blessing mit 1,2 Milliarden Euro Gewinn. Damit soll ein Teil der 5,3 Milliarden Euro Eigenkapital aufgebracht werden, die der Bank nach Berechnungen der Aufseher in London im Herbst fehlten. Blessing zufolge ist die Kapitallücke schon auf 1,8 Milliarden Euro geschrumpft. "Das ist die positive Überraschung", sagte WestLB-Analyst Neil Smith.

Mehr als eine Milliarde Euro könnte auch der Tausch weiterer Anleihen und Genussscheine, die künftig nicht mehr zur verlässlichen Kapitalausstattung zählen, in Aktien bringen. Wenn die Investoren zugreifen, gibt die Commerzbank dafür neue Aktien im Wert von rund einer Milliarde Euro aus, mit denen sie ihr Eigenkapital aufstocken kann. Damit werde sie auch die ab 2013 geltenden verschärften "Basel-III"-Vorschriften erfüllen.

BLESSING SCHREIBT VERLUST

Weil sich der Umtausch-Preis nach dem Commerzbank-Kurs in den nächsten Tagen richtet, ging die Aktie am Donnerstag um fast fünf Prozent in die Knie. Der Staat und die Aktionäre schauen 2011 - wie in den drei Jahren davor - in die Röhre. Denn für die Zinsen auf die Stille Einlage und die Dividende ist das Ergebnis nach dem deutschen Handelsgesetzbuch (HGB) maßgeblich - und da steht ein Minus von 3,6 Milliarden Euro zu Buche. Der Bund hätte Anspruch auf 170 Millionen Euro gehabt.

Auch Blessings persönliche Bilanz fällt negativ aus: "Die Verluste, die ich auf mein Commerzbank-Aktienportfolio gemacht habe, waren höher als mein Netto-Einkommen der letzten vier Jahre", sagte er. Die Vorstandsgehälter sind bei der Commerzbank auf 500.000 Euro im Jahr gedeckelt - und auch in diesem Jahr sollen sie nicht steigen.

- von Alexander Hübner und Kathrin Jones

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