Inland | Montag, 28. Januar 2013, 18:09 Uhr

Brüderle will zu Sexismus-Vorwürfen dauerhaft schweigen

Berlin Trotz des öffentlichen Drucks will sich FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle nicht zu den Sexismus-Vorwürfen äußern.

"Rainer Brüderle hat beschlossen, dass er die Sache nicht kommentiert, und wir unterstützen ihn darin", sagte Generalsekretär Patrick Döring am Montag nach einer Präsidiumssitzung in Berlin. Zugleich betonte Döring, die FDP stehe "aus vollem Herzen und voller Überzeugung" hinter dem erst in der vergangenen Woche zum Spitzenkandidaten gekürten Brüderle.

Die "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich hatte dem 67-Jährigen in einem Artikel vorgeworfen, vor gut einem Jahr an einer Hotelbar zudringlich geworden zu sein. So soll er ihr auf den Busen geschaut und gesagt haben: "Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen."

Döring kritisierte, der Bericht habe wohl das Ziel gehabt, eine einzelne Person zu beschädigen. Es sei unfair, von einem honorigen Menschen wie Brüderle, der seit Jahrzehnten in der Politik diene, ein Zerrbild in der Öffentlichkeit zu zeichnen. Brüderle sei "ein charmanter Mann" und "ein fähiger Kopf". Nur weil eine Seite ihre Befindlichkeit zum Ausdruck gebracht habe, müsse Brüderle dies nicht auch tun. Verabredet sei, dass auch Parteichef Philipp Rösler sich nicht dazu äußern werde, denn die FDP-Spitze wolle die Debatte nicht beleben. Seines Wissens plane Brüderle auch keine Klärung mit Himmelreich unter vier Augen, sagte Döring.

Zu Beginn der Präsidiumssitzung ließen sich Rösler, Döring und Parteivizechefin Birgit Homburger gemeinsam mit Brüderle ablichten. Schon in den vergangenen Tagen hatten sich führende Politiker hinter Brüderle gestellt und den Zeitpunkt der Berichterstattung kritisiert.

"STERN": BRÜDERLE HAT PROBLEM MIT UMGANG MIT FRAUEN

"Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn sagte am Sonntagabend in der ARD, Himmelreich habe Brüderle im Laufe eines Jahres immer wieder begleitet, beobachtet und mit ihm gesprochen. Dabei habe er bei jeder Begegnung ähnliche Bemerkungen gemacht und sich gegenüber Frauen mit Anzüglichkeiten hervorgetan. Dies habe bei ihr zu einem Bild geführt, "dass dieser Mann wirklich ein Problem in der Art des Umgangs mit Frauen hat".

Die Fraktionschefin der Hamburger FDP, Katja Suding, hält eine Entschuldigung indes nicht für notwendig. Sie könne in den Schilderungen Himmelreichs keine Grenzüberschreitung erkennen, sagte sie der Zeitung "Die Welt". Brüderle werde kein Übergriff vorgeworfen. Professionalität sei immer wichtig, aber man dürfe auch nicht verkrampfen. "Nach Mitternacht an der Bar kann der Umgang auch mal lockerer sein - und zwar von beiden Seiten."

Der Bericht hatte in Medien und in Internet-Foren eine Debatte über Sexismus in der Gesellschaft ausgelöst. Laut einer Emnid-Erhebung fordern neun von zehn Befragten eine Entschuldigung von Brüderle. 45 Prozent halten gar einen Rücktritt für angemessen.

Nach Dörings Worten braucht die Journalistin keine Konsequenzen der FDP zu fürchten. Die Pressefreiheit in Deutschland sei ein hohes Gut. "Es gibt keine Arbeitsbeschränkungen oder Kontaktsperre." Über Einladungen für Hintergrundgespräche entscheide aber jeder Politiker selbst.

Der Generalsekretär räumte ein, dass Frauen in der FDP unterrepräsentiert und so auch in Führungsämtern weniger stark vertreten seien. Die Partei arbeite daran, mehr weibliche Mitglieder zu gewinnen und sie einzubinden. Er kenne aber keine Beschwerde, dass es zu sexistischen Ausfällen in der FDP oder gar in Führungsspitzen gekommen wäre. Die FDP stehe für eine tolerante und offene Gesellschaft und sei für eine Debatte zu diesem Thema - allerdings losgelöst vom konkreten Anlass sowie der Person Brüderle.

Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Christine Lüders, sagte im MDR, für die Debatte sei es höchste Zeit. Aus Studien wisse man, dass sich jede zweite Frau sexuell belästigt gefühlt habe. Sie meldeten sich aber nicht, weil sie Angst um ihren Job hätten.

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