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Unternehmen | Samstag, 3. November 2012, 12:16 Uhr

Streit um Gentechnik blockiert Biotech-Branche

Berlin Der Feind der Mais-Bauern kann bis zu drei Zentimetern groß werden, er kommt aus der Luft, neigt zu massenhafter Vermehrung und hat einen gefürchteten Heißhunger.

Die Rede ist vom Falter namens Maiszünzler, dessen Raupen ganze Felder vernichten können. Der US-Agrarriese Monsanto hat gegen den Schädling eine besonders tückische Waffe entwickelt: Die in Deutschland verbotene Maissorte MON 810. Die gentechnisch veränderte Pflanze produziert ein für die Raupe giftiges Protein.

Das wirtschaftliche Potenzial für Pflanzen wie MON 810 ist gewaltig. Den Profiten mit Hilfe der "grünen Gentechnik" stehen aber mögliche Gefahren gegenüber. Umweltverbände warnen vor unabsehbaren Folgen für die Natur und nicht zuletzt für die Menschen selber durch gentechnisch veränderte Organismen (GVO). In diesen Abwägungsprozess hat sich die schwarz-gelbe Koalition verhakt. Die FDP-Agrarexpertin Christel Happach-Kasan hat nun in einem Reuters-Gespräch gefordert, die Koalitionsspitzen sollten bei ihrem Treffen am kommenden Sonntag einen neuen Anlauf zur Lösung des Streits über das Gentechnik-Gesetz nehmen.

In ihrem Koalitionsvertrag hatten CDU, CSU und FDP 2009 festgelegt, das Gentechnik-Gesetz zu novellieren. Biotechnologie sei eine wichtige Zukunftsbranche, heißt es dort. "Deswegen wollen wir die verantwortbaren Potentiale der grünen Gentechnik nutzen." Agrarministerin Ilse Aigner legte im Mai 2011 einen Entwurf vor. Für die FDP und zumindest Teile der CDU entsprach er nicht den Vereinbarungen. Seitdem sind die Koalitionäre einem Konsens nicht nähergekommen und mit einem Durchbruch bis zur Bundestagswahl 2013 rechnen die Fachpolitiker nicht mehr.

Einer der Hauptstreitpunkte sind die mit dem Gesetz zu regelnden Abstände zwischen den Äckern mit GVO-Pflanzen und denen mit konventionellem Anbau. Der Sicherheitsabstand soll verhindern, dass das veränderte Erbgut sich ungewollt mit der natürlichen Vermehrung der Pflanzen verbreitet. Aigner will es ins Ermessen der Bundesländer stellen, die Abstände festzulegen. Die FDP lehnt das ab.

Happach-Kasan argumentiert, zwar habe man nichts gegen eine Bestimmung der Abstände durch die Bundesländer. Diese dürften aber nicht willkürlich sein, sondern müssten eine wissenschaftliche Grundlage haben. Diese sei Aigner schuldig geblieben. Auch der Agrarfachmann der Unionsfraktion, Franz-Josef Holzenkamp (CDU), sieht die Vorlage aus dem Ministerium in diesem Punkt "sehr kritisch".

Der Sprecher von Aigner, Holger Eichele, weist diese Vorwürfe zurück: "Im Koalitionsvertrag ist ausdrücklich vereinbart, den Bundesländern mehr Mitbestimmung beim Anbau von Gentechnik zu ermöglichen", sagt er. Der Vorwurf, das Agrarministerium halte sich nicht an den Koalitionsvertrag, sei abwegig. Für die Produzenten des Gen-Maises sind die Abstände eine entscheidende Größe. Wer sich Deutschland aus der Luft anguckt, merkt schnell, dass je nach Abstand ein Anbau von GVO-Mais im großen Stil möglich ist oder nicht.

STREIT UM DIE DEFINITION VON GENTECHNIK-FREIHEIT

Gestritten wird auch um die Nulltoleranz-Regel. Nach Aigners Vorstellungen dürfen auch minimale GVO-Spuren nicht in offiziell gentechnikfreien Lebensmitteln vorhanden sein. Happach-Kasan findet, minimale Spuren seien im Zuge der weltweiten Warenströme unvermeidbar und gesundheitlich unbedenklich. Zudem seien in der EU im Tierfutter geringe GVO-Spuren bereits erlaubt.

Das Agrarministerium hält dagegen, das Prinzip der Nulltoleranz gewährleiste mehr Transparenz für die Verbraucher. Sie funktioniere außerdem in der Praxis, es gebe keine Notwendigkeit davon abzurücken, erklärt Eichele. Damit stellte sich Aigner auch gegen die EU-Kommission, die ein Ende der Nulltoleranz-Regel auch für Lebensmittel fordert.

Für Aigners restriktive Haltung ist noch eine weiterer Grund ausschlaggebend: In Deutschland und weiten Teilen Europas gebe es keine Akzeptanz für Gentechnik in Lebensmitteln, sagt ihr Sprecher. Und: "Für die Landwirtschaft haben sich die Heilsversprechen der Gentechnik-Industrie bisher nicht erfüllt."

Der deutsche Chemieriese BASF warf angesichts dieser Haltung Anfang des Jahres das Handtuch und verlegte seine Zentrale für Pflanzen-Biotechnologie von Deutschland in die USA. Bis Ende 2013 soll der Umbau abgeschlossen sein, in Europa sollten dafür 140 Stellen gestrichen werden. Die Entscheidung von BASF ist vorerst ein Einzelfall. Der Saatguthersteller KWS etwa bekundete, die Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen bleibe in Deutschland.

BRANCHENVERBAND SIEHT DEUTSCHLAND ABGEHÄNGT

Der Branchenverband Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) sieht Deutschland im Bereich Pflanzenbiotechnologie jedoch angehängt. Die Wertschöpfung geschehe weitgehend in außereuropäischen Ländern. Dabei gehe es um einen lukrativen Markt. DIB-Geschäftsführer Ricardo Gent verweist darauf, dass nach Zahlen des "International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications" (ISAAA) der Markt für gentechnisch verändertes Saatgut mit 13,2 Milliarden Dollar bewertet wird. Demnach ist die Anbaufläche für gentechnisch veränderte Pflanzen 2011 um acht Prozent auf 160 Millionen Hektar gestiegen. In 29 Ländern weltweit setzten vergangenes Jahr 16,7 Millionen Bauern GVO-Saatgut ein. Die größte Anbaufläche findet sich mit 69 Millionen Hektar in den USA.

Aus DIB-Sicht werden den GVO zu viele Hürden in den Weg gelegt. "Obwohl bereits eine beachtliche Zahl von gentechnisch veränderten Pflanzen in die EU importiert und als Lebens- und Futtermittel verwendet werden dürfen, ist Europa nicht in der Lage, mit der Zulassungsdynamik anderer Länder Schritt zu halten", klagt Gent. Die Aussichten für die Branche in Deutschland sind eher negativ. Nach der politischen Großwetterlage verliert mit der FDP einer der Befürworter von Gentechnik an Bedeutung. Kommt nach der Bundestagswahl im kommenden Herbst Rot-Grün zum Zug, ist mit noch restriktiveren Rahmenbedingungen zu rechnen.

STUDIE ÜBER GESUNDHEITLICHE SCHÄDEN DURCH GENMAIS UMSTRITTEN

Bei vielen Verbrauchern löst das Etikett "Gentechnik" die Furcht aus, etwas Ungesundes zu konsumieren. Dabei ist dafür ein schlagender Beweis noch nicht erbracht. Derzeit wird etwa über eine Studie aus Frankreich gestritten. Ein Team um den Forscher Gilles-Eric Seralini in Caen hat eine Studie veröffentlicht, nach der Genmais einer bestimmten Sorte bei Ratten zu Krebs und einem frühen Tod geführt hat. Ende September meldete das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin jedoch Zweifel an. Die Hauptaussagen der Studie seien experimentell nicht ausreichend belegt, heißt es in einer Stellungnahme.

Für den Gentechnik-Skeptiker und SPD-Abgeordneten Ulrich Kelber liegen die wichtigsten Vorbehalte nicht in möglichen gesundheitlichen Gefahren, sondern in der Entstehung von "Superresistenzen". "Was wird denn tatsächlich angeboten: Entweder Stoffe die resistent sind gegen Pestizide und Herbizide oder welche, die Gifte gegen die Schädlinge selbst produzieren", erklärt er Reuters. Die Folge sei, dass durch den Dauereinsatz der Gifte Bakterien, Pilze und Insekten entstehen würden, die immun gegen die Stoffe seien.

Zudem sieht der Sozialdemokrat eine wirtschaftliche Gefahr durch den mit der Gentechnik verbundenen Patentschutz. Die Konzerne würden am Erbgut von Pflanzen kleine Veränderung vornehmen und dann das gesamte Erbgut patentieren lassen. Damit würden sie weitere Forschung an diesen Pflanzen für 20 Jahre blockieren. Dies sei bei der konventionellen Züchtung durch Kreuzungen anders. Da dürfe eine patentgeschützte Pflanze zum Ausgangspunkt für neue Züchtungen verwertet werden.

Zudem befürchtet Kelber, die Konzerne könnten versuchen, Bauern dauerhaft an sich zu binden und damit den Markt negativ verändern. "Das Horrorszenario ist, dass ein Großkonzern wie Nestle sagt, wir verarbeiten jetzt nur noch Mais der Sorte XY, und wer das nicht anbaut, ist bei uns auch kein Zulieferer mehr." Sollte in Deutschland massiv GVO angebaut werden und damit die Gefahr steigen, dass in konventionellen Pflanzen genverändertes Material sei, drohten Abwanderungen. Der Babynahrungshersteller Hipp etwa habe angekündigt, in dem Fall in Regionen zu ziehen, die völlig gentechnikfrei seien.

Happach-Kasan kann die Bedenken nicht verstehen. Sie verweist darauf, dass GVO bereits vielfältig genutzt werden und Teil des Alltags seien. So bestehe ein großer Teil der Futtermittelimporte aus genveränderten Pflanzen. Insulin für Diabetiker werde von genetisch veränderten Bakterien produziert. Auch bestimmte Vitaminpräparate stammen von GVO. Trotz der Widerstände ist sie überzeugt, dass sich die Gentechnik auch in Deutschland durchsetzen wird: "Ich glaube, dass wir in zehn Jahren das Thema im wesentlichen ausgestanden haben."

- von Hans-Edzard Busemann

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