TOP-THEMA-Konjunkturdelle lässt viele deutsche Manager kalt | Reuters
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Konjunktur | Donnerstag, 23. Februar 2012, 17:53 Uhr

TOP-THEMA-Konjunkturdelle lässt viele deutsche Manager kalt

Berlin Trotz Schuldenkrise und trüber Aussichten auf den Weltmärkten strotzt die deutsche Wirtschaft noch immer vor Zuversicht.

Die Stimmung der Firmenchefs stieg im Februar den vierten Monat in Folge. Der Ifo-Geschäftsklimaindex kletterte unerwartet deutlich um 1,3 auf 109,6 Punkte und erreichte den höchsten Stand seit Sommer, wie das Münchner Ifo-Institut am Donnerstag zur Umfrage unter 7000 Managern mitteilte. "Damit signalisiert Ifo, dass die Mini-Rezession bald endet", betonte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer.

Der Blick nach vorne macht jedoch zumindest die Maschinenbauer skeptisch. Die wichtige Exportbranche fällt als Wachstumsmotor vorerst aus. Für die Euro-Zone sind die Aussichten vor allem wegen der Schuldenstaaten deutlich trüber: Die EU-Kommission erwartet, dass die Wirtschaftskraft im Währungsraum 2012 um 0,3 Prozent zurückgeht.

Zuletzt konnte sich auch Deutschland nicht vom Abwärtstrend abkoppeln: Ende 2011 war die Wirtschaft wegen der Schuldenkrise um 0,2 Prozent geschrumpft und damit erstmals seit dem Höhepunkt der Finanzkrise Anfang 2009. Die überraschend guten Zahlen des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers signalisieren nun, dass Deutschland die Delle bald hinter sich lassen könnte. Davon geht auch die EU-Kommission aus. Sie sagt für das erste Quartal ein Wachstum von 0,1 Prozent voraus und plus 0,6 Prozent für 2012. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler äußerte sich zuversichtlich zur heimischen Wirtschaft: "Die Anzeichen verstärken sich, dass sie nach der leichten Abschwächung am Jahresende 2011 bereits wieder Tritt gefasst hat."

AUFSCHWUNG GEHT WEITER - ABER VORERST OHNE MASCHINENBAUER

Rösler räumte aber ein, das außenwirtschaftliche Umfeld bleibe schwierig. Davon können die exportorientierten Maschinenbauer ein Klagelied singen. Stagnation statt Wachstum lautet die Produktionsvorhersage des Branchenverbandes VDMA für 2012. "Wir revidieren unsere Prognose von plus vier Prozent auf null", sagte VDMA-Präsident Thomas Lindner. Ursachen seien neben schwächerer Nachfrage die Unsicherheit in Europa und die abflachende Konjunktur in China. Seit dem Einbruch im Rezessionsjahr 2009 hat die Branche eine furiose Aufholjagd hingelegt und ihre Produktion um 22 Prozent hochgefahren.

Der Schwung kommt von innen. "Die deutsche Konjunktur wird derzeit von binnenwirtschaftlichen Auftriebskräften getragen", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Die vom Ifo befragten Firmenchefs blicken optimistisch auf die kommenden sechs Monate. Das Barometer für die Geschäftsaussichten stieg auf 102,3 von 100,9 Punkten. Auch die Geschäftslage wurde besser bewertet, dieser Index kletterte auf 117,5 von 116,3 Zähler. Die Industrie verzeichnete zwar eine schlechtere Geschäftslage als im Januar, blickte aber den dritten Monat in Folge optimistischer nach vorne. "Vom Exportgeschäft rechnen sich die Firmen unverändert positive Impulse aus", erklärte das Ifo. Zudem planten die Unternehmen ihr Personal weiter aufzustocken.

Auch im Einzel- und Großhandel hellte sich die Stimmung spürbar auf. Am steilsten nach oben ging es am Bau - trotz der Kälte im Februar. "Ob Verschuldungskrise, Ölpreisanstieg oder extreme Wetterverhältnisse: Es scheint, als ob es derzeit nichts gibt, was die Stimmung in den deutschen Unternehmen trüben könnte", sagte Postbank-Analyst Heinrich Bayer.

RISIKEN FÜR PRIVATEN KONSUM NICHT GEBANNT

Andere Fachleute machen bereits neue Gefahren aus. "Im Moment sieht es nicht nach einer Rezession aus", sagte zwar Ifo-Experte Klaus Abberger Reuters. "Aber abhaken kann man die Risiken noch nicht", warnte er. "Gefahr droht vor allem von der Euro-Krise." Mit den steigenden Kraftstoffpreisen sei ein weiteres Risiko hinzugekommen. "Das kann den privaten Konsum belasten, ebenso die Autobranche." Benzin und Diesel waren zuletzt so teuer wie noch nie.

Die Konjunkturflaute macht sich bereits im Staatssäckl bemerkbar. Die Steuereinnahmen von Bund und Ländern stiegen nur dank Sondereffekten im Januar auf 39,5 Milliarden Euro und damit um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Ohne Sondereffekte wäre es der erste Rückgang seit 17 Monaten gewesen, teilte das Bundesfinanzministerium mit. 2011 hatten Bund und Länder wegen der guten Konjunktur 527 Milliarden Euro in ihren Kassen und damit ein Plus von rund acht Prozent.

Die IG Metall pocht auf einen stärkeren Anteil an der Erholung und setzt den Arbeitgebern in der anstehenden Tarifrunde ein Ultimatum. Bis zum 22. Mai müsse klar sein, ob eine einvernehmlichen Regelung möglich sei oder die Gewerkschaft zu einem Arbeitskampf aufrufen werde, sagte der baden-württembergische Bezirkschef Jörg Hofmann. Die Verhandlungen für die bundesweit 3,6 Millionen Beschäftigten der Branche beginnen Anfang März. Einstimmig beschloss die große Tarifkommission, 6,5 Prozent mehr Lohn zu verlangen.

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