Marathonmann Neumann bei Opel vor Herkulesaufgabe | Reuters
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Unternehmen | Freitag, 2. November 2012, 16:21 Uhr

Marathonmann Neumann bei Opel vor Herkulesaufgabe

Hamburg Es ist eine Herkulesaufgabe, wenn nicht gar ein Schleudersitz: Wenn der ehemalige VW--Manager und Continental-Chef Karl-Thomas Neumann - wie aus Unternehmenskreisen verlautet - im nächsten Jahr das Steuer bei Opel übernimmt, traut er sich einen der schwierigsten Jobs in der Automobilindustrie zu.

Denn die taumelnde GM-Tochter hat einen gewaltigen Berg an Problemen. Neumann muss die chronische Verluste schreibende Rüsselsheimer Marke mit dem Blitz und ihre britische Schwester Vauxhall in den nächsten Jahren aus einem Tiefen Tal führen, in das sie trotz zahlreicher Sanierungsbemühungen mehrerer Vorgänger immer noch steckt. In der langen Reihe der Opel-Chefs seit den 1970er Jahren wäre er die Nummer 17.

Insidern zufolge könnte der 51-Jährige schon bald als Vorstandschef präsentiert werden. "Darauf läuft es hinaus", sagte eine mit dem Vorhaben vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag. Eine Vertragsunterzeichnung sei aber erst im nächsten Jahr vorgesehen. Neumann habe seinen Kontrakt mit Volkswagen bereits aufgelöst, für den er zuletzt das wichtige Chinageschäft leitete. Ein weiterer Insider sagte, Neumann befinde sich in fortgeschrittenen Gesprächen mit Opel. Weder VW noch der Rüsselsheimer Autobauer wollten sich äußern.

Die "Financial Times Deutschland" (FTD) berichtete, der genaue Zeitpunkt des Wechsels, der vom Opel-Aufsichtsrat noch abgesegnet werden müsse, sei nicht bekannt. Neumann könne aber wegen der branchenüblichen Sperrfristen voraussichtlich erst im Sommer Opel-Chef werden. Der Opel-Kontrollrat tagt am 14. November, allerdings wird dann noch keine Entscheidung erwartet.

Neumann war im Sommer im Zuge der Personalrochade bei Volkswagen als China-Chef abgelöst worden. Dabei hatte Konzernchef Martin Winterkorn erklärt, für ihn solle eine neue Aufgabe im Konzern gefunden werden. Einem Unternehmensinsider zufolge soll Neumann angeboten worden sein, den Posten des Entwicklungschefs bei der tschechischen Tochter Skoda zu übernehmen. Dies habe der Manager jedoch abgelehnt.

HOHE VERLUSTE UND EINE FORDERNDE KONZERNMUTTER IM NACKEN

Die defizitäre und ums Überleben kämpfende GM Tochter Opel wird derzeit von dem Sanierungsexperten Thomas Sedran geleitet, der nach Firmenangaben aber nur solange im Amt bleiben soll, bis ein neuer Chef gefunden ist. Opel macht die Absatzmisere in Südeuropa besonders schwer zu schaffen, weil dem Unternehmen ein Vordringen in andere, lukrativere Regionen von der Konzernmutter GM weitgehend verwehrt wird. Opel kann die Produktion nach Expertenschätzungen deshalb nur etwa zu zwei Dritteln auslasten, wodurch die Kosten das Unternehmen zu erdrücken drohen. In diesem Jahr werden das Rüsselsheimer Traditionsunternehmen und seine britische Schwestermarke Vauxhall wohl Verluste bis zu 1,4 Milliarden Euro an die Konzernmutter in Detroit melden.

Opel baut in diesem Jahr europaweit 2600 Stellen ab, vor allem in Deutschland. Etwa 1000 davon sind Leiharbeiter. Das Opel-Werk in Bochum steht auf der Kippe und soll nach dem aktuellen Zafira im Jahr 2016 kein neues Modell erhalten. Auch andere unbequeme Entscheidungen stehen Opel noch bevor.

Parallel muss der gelernte Elektroingenieur Neumann daran gehen, Opel neu zu verdrahten. Die Marke muss mit innovativen, schicken Autos ihr Verlierer-Image loswerden, um wirtschaftlich wieder in sicheres Fahrwasser zu kommen. Dafür müssen junge und betuchte Kunden angelockt werden. Gleichzeitig muss Neumann aufpassen, dass die schrumpfende konservative Stammkundschaft nicht noch mehr von der Fahne geht.

Kenner trauen dem agilen Manager dies zu. Auch der Opel-Betriebsrat lässt durchblicken, dass er Neumann für den richtigen Mann hält. Als Langstreckenläufer ist Neumann zudem gewöhnt, zäh zu kämpfen. Erfahrungen in der Führung eines großen Konzerns hat er zwischen 2004 und 2009 beim Autozulieferer und Reifenhersteller Continental gesammelt, in den beiden letzten Jahren als Vorstandschef. Dass er diesen Posten schließlich im Streit mit Großaktionär Schaeffler verlassen musste, hat seiner Karriere nicht geschadet. Anschließend wurde er mit offenen Armen von Volkswagen empfangen, für den er schon seit 1999 tätig war.

Bei VW dürfte man ihn mit einem lachenden und einem weinenden Auge ziehen lassen. Denn mit Neumann verliert der Großkonzern einen Manager, dem sogar zugetraut wurde, dereinst Winterkorn an der Unternehmensspitze zu beerben. Dass dieser Traum zerplatzte, lag Insidern auch daran, dass Neumann in der Wolfsburger Zentrale keine Hausmacht hatte.

- von Jan Schwartz und Andreas Cremer

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