Inland | Freitag, 18. Januar 2013, 13:20 Uhr

FEATURE-Merkel und ihr Mac

Oldenburg Am Ende geht Angela Merkel auf David McAllister zu und tut etwas, was sie in der politischen Arena nur selten macht:

Sie umarmt ihn. In der aufgeheizten Atmosphäre der Oldenburger EWE-Halle hat sie ihm an diesem Donnerstagabend vor ein paar tausend CDU-Anhängern gerade den letzten von sieben politischen Liebesdiensten erwiesen und nochmals eindringlich für seine Wiederwahl am Sonntag geworben. Beim letzten gemeinsamen Auftritt vor der niedersächsischen Landtagswahl am Sonntag spielt die Kanzlerin sogar erstmals die "Vorgruppe" und heizt für ihn als Hauptredner ein. Dabei gilt sie als Zugpferd, das die Hallen füllt.

Dann fährt Merkel nach Berlin zurück, und der 42-Jährige hat noch zwei Tage, um allein für seine Wiederwahl als Ministerpräsident zu kämpfen. Aber egal, wie die Wahl ausgeht: Die Auftritte dürften die CDU-Vorsitzende und McAllister stärker zusammengeschweißt haben als alle politischen Schlachten zuvor. Ausgerechnet zwei der vorsichtigsten CDU-Politiker haben sich in den vergangenen Wochen als gegenseitige Fans geoutet, verstehen sich so gut, dass sie sich bei ihren Auftritten sogar Versatzstücke ihrer Reden hin und her spielen.

"Ich bin gerne Merkels Mac", betonte McAllister deshalb auf fast jeder der gemeinsamen Wahlkampfauftritte. Die Kanzlerin grinst - und hat ihn mit ihren Auftritten wohl endgültig zu ihrem politischen Kronprinzen gekürt.

Denn wer ihre Begeisterung messen will, muss nur den Vergleich mit den letzten Landtagswahlkämpfen anstellen: In Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern wirkte die Schuldenkrise-gestresste Merkel bei ihren Auftritten eher dominant und neben den blassen CDU-Spitzenkandidaten wie die Gastgeberin. In Nordrhein-Westfalen spürte man bei den Auftritten die Distanz auf der Bühne zwischen der Kanzlerin und ihrem damaligen Umweltminister Norbert Röttgen, mit dessen Strategie als Spitzenkandidat sie unzufrieden war.

Aber in Oldenburg steht Merkel auf der Bühne und strahlt über das ganze Gesicht wie schon bei den Auftritten zuvor. Mit dem Lokalmatadoren versteht sie sich auch ohne große Worte. So liefert McAllister seiner Parteichefin für die Bundestagswahl eine Steilvorlage, als er ihren "herrlich uneitlen Stil" lobt: "Politik zu machen, heißt vor allem, einen Dienst zuleisten. Damit meinen wir: Dienen, nicht verdienen. Das ist ein fundamentale Unterschied, Genosse Steinbrück." Die Halle tobt. Merkel lächelt nur kurz und faltet die Hände.

Tatsächlich entspricht Vieles in Niedersachsen derzeit den Vorstellungen der CDU-Chefin: berstend volle Hallen, begeisterte CDU-Anhänger, in Oldenburg sogar La-Ola-Wellen eine Stimmung wie sonst nur bei Sportveranstaltungen. Während man im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin mit Sorge betrachtet, dass sich die CDU-Landesverbände in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg nur mühsam von ihren schweren Wahlniederlagen erholen, hat McAllister den niedersächsischen Landesverband geeint - und auch das schwere Erbe seines politischen Ziehvaters Christian Wulff anscheinend abstreifen können.

NIEDERSACHSEN ALS SCHWARZ-GELBES MODELL

Niedersachsen ist für Merkel zudem Modell dafür, wie eine schwarz-gelbe Koalition funktionieren sollte, vor allem geräuschlos. Und McAllister weiß, dass er damit bei Merkel punkten kann. "Unsere Erfolgsgeschichte ist die einer geschlossenen Mannschaft", sagt er demonstrativ nach zehn Jahren schwarz-gelber Koalition in Hannover und schaut sich zu ihr um. "Wir setzen in Niedersachsen besonders auf Teamarbeit", fügt er hinzu und weiß, dass alles im Saal dabei auch an eine Bundesregierung denken, in der sich die CSU profilieren will und die FDP-Landesverbände für dauernde Störfeuer sorgen.

Der Niedersachse hat zudem demonstriert, dass man der dominanten CDU-Chefin Wünsche abschlagen kann und dennoch in ihrem Machtsystem überleben kann. Gerade weil er ihr früheres Angebot ausgeschlagen hatte, CDU-Generalsekretär zu werden, konnte er sich zu einem mächtigen CDU-Landesfürsten entwickeln. Sein früherer Partner im niedersächsischen Landtag, Philipp Rösler, wird dagegen heute als FDP-Chef in Berlin verschlissen.

McAllister hat es Merkel in den vergangenen Monaten mit großer Loyalität gedankt - natürlich auch, weil er mittlerweile merkt, dass er von ihren guten Umfragewerten profitieren kann. Aber anders als sein Vorgänger Wulff verzichtet er auch in Hintergrundkreisen mit Journalisten auf Sticheleien gegen die große Vorsitzende. Die Rollen zwischen beiden sind geklärt, man braucht sich gegenseitig für die Wahlsiege in Niedersachsen und dann im Bund - und die beiden vertrauen sich mittlerweile. Deshalb kann sich Merkel bei einem Wahlkampfauftritt in Stade auch einen durchaus doppeldeutigen Scherz erlauben, als sie seine Qualitäten als Landesvater beschreibt. "Der kommt gern mal nach Berlin, aber er fährt auch sehr gerne wieder zurück. Das machen nicht alle Ministerpräsidenten."

von Andreas Rinke

X