Unternehmen | Freitag, 24. Februar 2012, 15:36 Uhr

16 Milliarden - VW verdient soviel wie kein anderer

Hamburg Fast 16 Milliarden Euro Gewinn: Volkswagen hat 2011 so viel verdient wie noch nie ein deutsches Unternehmen.

Und kein anderer Hersteller profitiert wie die Wolfsburger vom weltweiten Autoboom. Selbst US-Weltmarktführer General Motors schaffte im vergangenen Jahr mit umgerechnet knapp sechs Milliarden Euro nicht annähernd soviel. Auch der Stuttgarter Rivale Daimler, der 2011 immerhin ebenfalls mit einem Rekordgewinn glänzte, zuckelte Volkswagen hinterher. Und die GM-Tochter Opel, vor geraumer Zeit einmal der größte Rivale auf dem heimischen Markt, sitzt schon lange mit roten Zahlen im Jammertal.

Grund für die Erfolgsfahrt sind zum einen die breite Modellpalette und die weltweite Präsenz von Volkswagen - schiere Größe also, bei der nach Meinung von Analysten derzeit alles zusammenpasst. Vom VW-Kleinwagen Up über Golf und Passat bis hin zu Oberklassenwagen der Marke Audi bieten die Wolfsburger offenbar alles an, was die Käufer wünschen. So kletterte der operative Gewinn um fast 60 Prozent auf 11,3 Milliarden Euro. Den Umsatz steigerten die Wolfsburger, zu denen - ohne Porsche - bereits sieben Pkw-Marken, die beiden Lastwagenbauer Scania und MAN sowie die VW-Transportersparte gehören, um mehr als ein Viertel auf 159 Milliarden Euro.

Augebläht wurde der Gewinn aber auch von Bilanzeffekten aus der geplatzten Fusion mit der Porsche Holding SE, die das Finanzergebnis antrieben. 2011 schnellte der Gewinn vor Abzug von Steuern deshalb auf gigantische 19 Milliarden Euro. VW hatte die Verschmelzung mit der Porsche Holding wegen milliardenschwerer Schadenersatzklagen im vergangenen Jahr abgesagt. Dies führte dazu, dass die von VW und Porsche gegenseitig eingeräumten Kauf- und Verkaufsoptionen für das Sportwagengeschäft neu bewertet wurden.

Den VW-Aktionären und der Belegschaft winken angesichts der Verdoppelung des Überschusses nun Rekordgewinnbeteiligungen. Die Dividende an die Stammaktionäre soll um 80 Cent auf drei Euro angehoben werden. Angesichts der prallvollen Kassen fordern auch die Arbeitnehmer einen höheren Zuschlag.

VOLLE KASSEN UND GROSSE ZIELE

Der von Aufsichtsratschef Ferdinand Piech zur Jagd auf die Weltmarktkrone getriebene Autokonzern schwimmt geradezu in Geld: Obwohl VW im vergangenen Jahr für die Übernahme des Lastwagenkonzerns MAN, den Erwerb der Vertriebsgesellschaft Porsche Holding in Salzburg und die Beteiligung an dem Carbonhersteller SGL insgesamt rund sieben Milliarden Euro ausgab, blieben 17 Milliarden Nettoliquidität in der Kasse. Mit dem Geld wäre es nach Meinung von Analysten für VW ein Leichtes, auch die zweite Hälfte des Sportwagengeschäfts von Porsche zu kaufen. Allerdings muss der Konzern im Sinne seiner Eigner dafür eine möglichst steuersparende Variante finden, sonst kassiert der Fiskus bei der Transaktion bis zu einer Milliarde Euro. Darüber will der Aufsichtsrat am Montag erneut beraten. Die erste Hälfte des Sportwagengeschäfts hatte sich VW bereits vor einiger Zeit für knapp vier Milliarden einverleibt.

AUCH DIE ANLEGER MACHEN KASSE

Volkswagen zog die Veröffentlichung der Zahlen am Freitag vor, nachdem der enorme Gewinnanstieg bereits durchgesickert war. Eigentlich wollte der Aufsichtsrat auch darüber erst am Montag beraten.

Anleger verfielen angesichts des historisch hohen Gewinns nicht in Euphorie. In einem ansonsten freundlichen Umfeld verlor die im Dax gelistete Vorzugsaktie des Wolfsburger Konzerns zeitweise ein Prozent an Wert. Börsianer begründeten dies damit, dass Anleger Kasse machten. Das Papier hatte seit Anfang Januar mehr als 20 Prozent zugelegt. Den Ausstieg dürfte ihnen erleichtert haben, dass VW im Schlussquartal - für viele überraschend - einen Gewinnrückgang verbuchte. Nach Reuters-Berechnungen schrumpfte das operative Ergebnis von Oktober bis Dezember binnen Jahresfrist leicht auf rund 2,3 Milliarden Euro.

Arndt Ellinghorst von Credit Suisse vermutet, dass im Schlussquartal Kosten für den neuen Modulbaukasten anfielen, auf den die Produktion im Wolfsburger Stammwerk für den neuen Golf umgestellt wird. Der Bestseller aus Wolfsburg kommt im Herbst in siebter Auflage auf den Markt. Zudem habe VW im Zuge der Integration von MAN Abschreibungen auf Anlagen des Münchner Nutzfahrzeug- und Maschinenbauers verbucht, sagte Ellinghorst. Der Autoanalyst erwartet, dass die Kosten für den Modularen Querbaukasten, auf dem künftig alle Klein-, Kompakt- und Mittelklassewagen basieren werden, Volkswagen auch im laufenden Jahr belasten werden. Das erste Modell aus dem neuen Baukasten ist der Audi A3, der Anfang März auf dem Genfer Autosalon erstmals einem größeren Publikum gezeigt wird.

Erst später profitiert der Konzern von den enormen Einsparungen, die mit der Vereinfachung von Entwicklung und Produktion einhergehen. Hinzu kommt, dass auch VW das Abklingen des Autobooms zu spüren bekommt. Im Januar waren die Auslieferungen nur noch um ein Prozent gestiegen. Vertriebsvorstand Christian Klingler hatte deshalb angekündigt, 2012 werde "herausfordernd" für VW. "Ich schätze, dass VW den operativen Gewinn im laufenden Jahr nicht steigern kann", schließt Ellinghorst daraus.

Allerdings dürften Sondereffekte dafür sorgen, dass der Reingewinn auch 2012 steigt. So fließt der MAN-Gewinn in diesem Jahr anteilig in die VW-Bilanz ein.

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