16 Tote bei Amoklauf in Realschule in Baden-Württemberg

Mittwoch, 11. März 2009, 20:10 Uhr
 

Winnenden (Reuters) - Bei einem Amoklauf in Baden-Württemberg hat ein Jugendlicher an seiner ehemaligen Schule und auf der anschließenden Flucht 15 Menschen erschossen.

Anschließend nahm der 17-jährige Tim Kretschmer einen Autofahrer als Geisel und lieferte sich einen Schusswechsel mit der Polizei. Nach bisherigem Ermittlungsstand nahm er sich schließlich selbst das Leben. Unter den Toten sind neun Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden im Alter von 15 und 16 Jahren, acht von ihnen Mädchen. Sieben weitere Schüler wurden verletzt, befinden sich aber außer Lebensgefahr. Die Hintergründe der Tat blieben zunächst unklar. Das Massaker löste bundesweit Entsetzen aus und rief Erinnerungen an den Amoklauf an einer Erfurter Schule vor sieben Jahren wach. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem Tag der Trauer für ganz Deutschland.

BEHÖRDEN RÄTSELN ÜBER MOTIV

Mit einer Pistole seines Vaters - eines Hobbyschützen - drang der 17-Jährige am Morgen gegen 09.30 Uhr in seine ehemalige Schule ein. Er schoss nach Angaben der Polizei in drei Klassenräumen um sich. Neun Jugendliche wurden getötet, darunter acht Mädchen. Aus dieser Auffälligkeit wollten Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech und die Polizei aber zunächst keine Schlüsse ziehen. Drei Lehrerinnen wurden getötet. Eine Frau sprang in Panik aus dem Fenster, um sich vor den Schüssen zu retten. Nach dem Eintreffen der ersten Polizisten in der Schule flüchtete der Jugendliche und ließ eine Vielzahl von Patronen zurück. Die Polizei schloss daraus, dass er eine weitaus größere Bluttat geplant hatte.

Auf seiner Flucht erschoss der Jugendliche einen Mitarbeiter eines nahe der Schule gelegenen Zentrums für Psychiatrie. Danach kaperte er einen VW Sharan, dessen Fahrer er freiließ, nachdem der Wagen aus noch ungeklärter Ursache von der Straße abkam. Die Flucht endete nach Umwegen in einem Gewerbegebiet in dem etwa 25 Kilometer von Winnenden entfernten Ort Wendlingen. Dort erschoss der Jugendliche einen Verkäufer sowie einen Kunden eines Autohauses, bevor die den Amokläufer stellte. Es kam zu einer Schießerei. Dabei wurde Kretschmer den Angaben zufolge am Bein verletzt. Daraufhin tötete er sich vermutlich selbst. Zwei Polizisten wurden schwer verletzt.

Das Motiv für die Bluttat bliebt zunächst rätselhaft. Kretschmer hatte in der Albertville-Schule einen nach offiziellen Angaben mittelmäßigen Realschulabschluss gemacht und danach eine Ausbildung begonnnen. Er galt als zurückhaltend, war Mitglied in einem Sportverein und besuchte einen Kraftraum. Ob er Computerspiele benutzte, blieb zunächst unklar. Laut Polizei gab es keine Hinweise auf die Tat wie etwa Ankündigungen im Internet. Auch die Eltern hätten keinerlei Anzeichen für die Tat bemerkt. Den Angaben zufolge ist der Vater des Täters Mitglied in einem Schützenverein und war im Besitz von insgesamt 15 Schusswaffen. Der Sohn sei gelegentlicher "Gastschütze" in dem Verein und daher im Umgang mit Waffen erprobt gewesen.

NACHBAR: TÄTER WAR ANGEBER-TYP

Der Attentäter lebte im Nachbarort Leutenbach. Sein Elternhaus wurde unmittelbar nach der Bluttat durchsucht, noch während die Fahndung nach dem Jungen lief. Das weiß verputzte Einfamilienhaus war auch am Nachmittag von den Ermittlern abgeriegelt. Ein Nachbar, der 19-jährige Michael V., sagte, der Täter habe oft angegeben mit dem vielen Geld, das der Vater ihm zugesteckt habe. Er sei ein Einzelgänger gewesen, der mit seiner Art zunehmend die Leute vergrault habe. Zu Hause habe der Täter eine umfangreiche Sammlung an Horrorvideos.

Schüler und Einwohner der Kleinstadt zeigten sich entsetzt. Der ehemalige Hauptschüler Kevin Retta sagte am Ort der Bluttat, er kenne Kretschmer vom Sehen: "Das ist ein mieses Gefühl. Ich bin froh, dass der Täter tot ist." Seelsorger kümmerten sich um Familien, Schüler und Lehrer. Die Gewerkschaft der Polizei brachte ins Gespräch, Schulen durch Zugangssicherungssysteme etwa per Chipkarte zu sichern.

"Es ist eine grauenvolle und in keiner Weise erklärliche Tat", sagte Ministerpräsident Günther Oettinger, der aus einer Landtagssitzung an den Ort des Geschehens eilte. Bundespräsident Horst Köhler und Politiker aller Parteien äußerten ihr Entsetzen und Mitgefühl für Angehörige und Freunde der Getöteten. "Dieser Tag mahnt uns auch, darüber nachzudenken, ob wir unseren Mitmenschen immer die notwendige Aufmerksamkeit entgegenbringen", sagte Köhler. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ordnete für alle Bundesbehörden Trauerbeflaggung für Donnerstag und für den Tag der Trauerfeier an.

Während der 17-Jährige zu seiner Bluttat aufbrach, liefen in den Nachrichten Berichte über einen Amoklauf in den USA: Im Bundesstaat Alabama tötete ein Amokläufer am Dienstag zehn Menschen, bevor er sich erschoss. Deutschland war im April 2002 vom Amoklauf in Erfurt erschüttert worden. Ein 19-jähriger ehemaliger Gymnasiast hatte an seiner alten Schule 16 Menschen erschossen, bevor er sich das Leben nahm.

 
<p>A police seal is pictured in front of Albertville secondary school where a shooting incident took place in Winnenden March 11, 2009. REUTERS/Kai Pfaffenbach (GERMANY)</p>