Merkel ruft US-Kongress zu Schulterschluss mit Europa auf

Dienstag, 3. November 2009, 19:31 Uhr
 

Washington (Reuters) - Kanzlerin Angela Merkel hat dem amerikanischen Volk für die Unterstützung der USA auf dem Weg zur deutschen Einheit gedankt.

"Ich weiß, wir Deutschen wissen, was wir Ihnen verdanken", sagte Kanzlerin am Dienstag in einer Rede vor beiden Häusern des US-Kongresses in Washington. 20 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin schlug Merkel in ihrer mehrfach durch stehenden Applaus unterbrochenen Ansprache den Bogen zu zentralen aktuellen Problemen wie dem Klimawandel und der globalen Finanzmarktkrise. Auch jetzt gelte es, Mauern einzureißen, rief sie den Abgeordneten und Senatoren zu - erntete aber mit der Forderung nach verbindlichen Zusagen der USA für den Klimaschutz nur von einem Teil der US-Politiker Applaus.

Einen Monat vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen nutzte Merkel ihren Auftritt vor dem Kongress zu einem klaren Appell. "Es besteht kein Zweifel, die Welt schaut im Dezember auf uns, Europa und Amerika", sagte sie. Es gehe zwar nicht ohne einen Beitrag von großen Schwellenländern wie China und Indien. "Aber ich bin überzeugt, wenn wir in Europa und Amerika zu verbindlichen Verpflichtungen bereit sind, dann werden wir auch China und Indien davon überzeugen können", sagte sie.

"Wir haben keine Zeit zu verlieren", betonte die Kanzlerin. Während viele Politiker im Plenarsaal zum Teil begeistert applaudierte, rührten Republikaner nach diesen Sätzen keine Hand. Ein neues Klimaschutzgesetz für die USA hängt derzeit in mehreren Ausschüssen fest. Unmittelbar vor der Ansprache war Merkel bei ihrem Kurzbesuch mit Präsident Barack Obama zusammengetroffen. Auch dort ging es um den Klimaschutz und die internationalen Konflikte in Nahost und in Afghanistan.

Merkel zeigte sich bei ihrer Rede der außergewöhnlichen Ehre bewusst. Der Kongress lädt nur selten Regierungschefs ein. Vor ihr war aus Deutschland neben vier Bundespräsidenten lediglich Kanzler Konrad Adenauer 1957 zu Gast. In einem feierlichen Akt begleiteten je acht Senatoren und Abgeordnete in einer Ehrenformation die Kanzlerin in den Plenarsaal.

MERKEL ANGESPANNT UND BEWEGT

"Thank you! Das ist sehr bewegend", startete Merkel nach minutenlangem Anfangsapplaus, den sie bewegt und sichtlich angespannt am Rednerpult entgegennahm. Die CDU-Politikerin ging dann nicht nur auf den 9. November 1989, den Tag des Mauerfalls ein, sondern erinnerte zugleich an den 9. November 1938, als Nationalsozialisten Synagogen ansteckten und die Verfolgung von Juden in Deutschland weiter eskalierte. Als Ehrengast hatte die Kanzlerin den Historiker Fritz Stern eingeladen, der als Zwölfjähriger 1938 vor den Nazis nach New York geflohen war.

Ungewohnt persönlich schilderte Merkel ihre Zeit in der DDR, in der sie von den USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten geträumt habe. Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Einheit sei auch sie aufgebrochen, sagte Merkel, deren persönlicher Aufstieg von einer ostdeutschen Physikerin zur ersten deutschen Kanzlerin zahlreiche US-Politiker begeistert.

Lautstark pflichteten ihr Demokraten wie Republikaner bei, als sie dem Iran mit wirtschaftlichen Sanktionen drohte. Es gebe "Null Toleranz für Massenvernichtungswaffen in den Händen des Iran", sagte Merkel. Die "freie Welt" werde nicht zulassen, dass der Iran Israel mit Nuklearwaffen bedrohe. "Die Sicherheit Israels ist für mich niemals verhandelbar." Ebenso mahnte die Kanzlerin zur Schaffung globaler Finanzmarktregeln. "Der Beinahe-Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte hat gezeigt, was passiert, wenn es diese Ordnung nicht gibt", sagte sie. Nicht Protektionismus und nationales Denken sei gefragt, sondern internationale Zusammenarbeit.

Die gut 30-minütige Rede mündete in den Appell, die globalen Probleme gemeinsam mit den Europäern zu lösen. "Ich bin überzeugt, so wie wir im 20. Jahrhundert die Kraft hatten, eine Mauer aus Stacheldraht und Beton zu Fall zu bringen, so haben wir auch heute die Kraft, Mauern des 21. Jahrhunderts zu überwinden", sagte Merkel. Es gehe um die "Mauern in unseren Köpfen, Mauern eines kurzsichtigen Eigeninteresses, Mauern zwischen Gegenwart und Zukunft."

 
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