Missbrauchsfälle entfachen neue Debatte über Zölibat
Paris/Berlin (Reuters) - Wie ein Feuer, das nicht ausgetreten werden kann, so ist auch der Zölibat in der katholischen Kirche angesichts der jüngsten Missbrauchsfälle wieder ins Zentrum der Debatte um die Ursachen für Missbrauch gerückt.
Obwohl Papst Benedikt XVI. am Freitag das Festhalten an der Ehelosigkeit und sexuellen Enthaltsamkeit für Priester erneut verteidigte, mehren sich auch innerhalb der Kirche die Stimmen, die eine Reform der Regelung aus dem 12. Jahrhundert fordern.
So plädiert der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, für strukturelle Konsequenzen. Dabei müsse man auch überlegen, ob es kirchenspezifische Bedingungen für den Missbrauch gebe, sagte er der "Süddeutschen Zeitung" vom Samstag. Die Lockerung des Pflichtzölibats sei ein Weg, allerdings sei das Problem damit allein nicht gelöst.
In zahlreichen Medienkommentaren wird der Zölibat mitverantwortlich gemacht für den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Kircheneinrichtungen.
Benedikt XVI., der sich am Freitag vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, über das Ausmaß der Affäre unterrichten ließ, hält hartnäckig an der Kirchenregel fest. Die Ehelosigkeit der Priester sei ein Geschenk Gottes, das nicht dem Zeitgeist geopfert werden solle, sagte der Papst auf einer Konferenz zum Priesteramt im Vatikan.
Amtsträger der Kirche wollen vom Ende der priesterlichen Ehelosigkeit zwar nicht sprechen, fordern aber ein Umdenken. Der Hamburger Weihbischof Hans-Jörg Jaschke sagte, der Zölibat sei nicht die Ursache für die Missbrauchsfälle. "Aber die zölibatäre Lebensform kann Menschen anziehen, die eine krankhafte Sexualität haben, die ihre Sexualität nicht integrieren können oder konnten, und dann mag da eine Gefahrensituation gegeben sein", sagte Jaschke im Deutschlandfunk. Den Sexualtrieb nicht auszuleben bedeute nicht, ihn "gewissermaßen abzuklemmen". Entgegen der Linie des Vatikan schlug Jaschke vor, über die Priesterweihe auch für verheiratete Männer nachzudenken: "Wir sprechen seit Jahren von bewährten Männern, also von Männern, die sich in der Familie bewährt haben." Es gebe bereits die Lösung, dass ein evangelischer Priester verheiratet bleiben könne, wenn er sich in den Dienst der katholischen Kirche stelle. Jaschke forderte, dass die Kirche ein unverkrampfteres Verhältnis zur Sexualität gewinnen müsse.
Dem schloss sich Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser an: "Die Zeiten und die Gesellschaft haben sich verändert. Deswegen wird die Kirche überlegen müssen, wie sie diese Lebensform (des Zölibats) weiterpflegen kann, oder was sie verändern muss", sagte Kothgasser im ORF. In seiner Priesterausbildung sei immer wieder darauf hingewiesen worden, dass Kinder und Jugendliche nicht berührt werden dürften. "Dass ab und zu die Sehnsucht auftaucht, eine Familie zu haben, das ist wohl klar. Auch wenn man ab und zu schönen Menschen begegnet, dann erwacht sicher etwas, was zu uns Menschen gehört." Das sei ganz natürlich, sagte der Erzbischof.
- von Tom Heneghan -
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