Neuer Präsident Wulff präsentiert sich als Brückenbauer

Freitag, 2. Juli 2010, 15:45 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Der neue Bundespräsident Christian Wulff sieht sich als Brückenbauer, der widerstreitende Teile der Gesellschaft miteinander aussöhnen will.

"Mir ist es wichtig, Verbindungen zu schaffen: zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus Ost und West, Einheimischen und Zugewanderten, Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Arbeitslosen, Menschen mit und ohne Behinderung", sagte der CDU-Politiker am Freitag in seiner Antrittsrede nach der Vereidigung im Bundestag. Demonstrativ dankte er nach den Querelen um seine Wahl den Gegenkandidaten Joachim Gauck und Luc Jochimsen. "Jeder faire Wettstreit tut der Demokratie gut", sagte Wulff.

In seiner Antrittsrede erinnerte der 51-Jährige an die Verhüllung des Reichstags vor 15 Jahren, die ein Gemeinschaftsgefühl zwischen Menschen aller Altersstufen, Nationalitäten, Herkunft und Berufe geweckt habe. Die Kunstaktion habe ihr Teil "beigetragen zu dem neuen, fröhlichen Gesicht unsere Landes in der Welt", sagte Wulff. Zugleich sei sie in ihrer Entstehungsgeschichte gegen viele Widerstände ein Sinnbild für den Reichtum Deutschlands an Gemeinschaftsgefühl und Begeisterung, an Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen, an kühnen Ideen und gekonnter Verwirklichung.

Deutschlands Stärke seien die Menschen, und er wolle sich dafür einsetzen, sie zusammenzubringen, kündigte Wulff an. Dazu müssten jedoch gegenseitige Vorurteile, Bequemlichkeiten und Anspruchsdenken überwunden werden. Es gebe in Deutschland noch viel zu wenige Erfolgsgeschichten von Einwanderern. "Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein, dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle gleich gute Bildungschancen bekommen", fragte Wulff. "Wann wird es selbstverständlich sein, dass jemand mit den gleichen Noten die gleichen Aussichten bei einer Bewerbung hat, egal, ob er Yilmaz heißt oder Krause?" Es gehe darum, wo einer hinwolle, nicht wo er herkomme - und was die Menschen verbinde, nicht was sie trenne.

Dazu müsse man andere Kulturen besser kennenlernen und auf sie zugehen. "Das können wir schon hier bei uns einüben, in unserer Bundesrepublik, in unserer bunten Republik Deutschland", sagte Wulff. Dann könne Gutes und Neues entstehen aus urdeutscher Disziplin und türkischem Dribbling, aus preußischem Pflichtgefühl und angelsächsischer Nonchalance, aus schwäbischer Gründlichkeit und italienischer Lebensart.

"Unsere Vielfalt ist zwar manchmal auch anstrengend, aber sie ist immer Quelle der Kraft und der Ideen und eine Möglichkeit, die Welt aus unterschiedlichen Augen und Blickwinkeln kennenzulernen", betonte Wulff. Auch international sei Zusammenarbeit nötig - etwa, um die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen und den Finanzmärkten endlich gute Regeln zu geben.

Zuvor war der CDU-Politiker in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat als zehnter deutscher Präsident vereidigt worden. Einer Umfrage zufolge hält es eine Mehrheit der Deutschen für richtig, dass er zum Präsidenten gewählt wurde. 58 Prozent der Befragten gaben im ARD-Deutschlandtrend an, dass mit Wulff der richtige Kandidat gewählt wurde. 35 Prozent hätten Gauck für den besseren Präsidenten gehalten. Wulff war als Kandidat von Union und FDP am Mittwoch erst im dritten Wahlgang gewählt worden. Er folgt auf Horst Köhler, der am 31. Mai überraschend zurückgetreten war. Köhler nahm an der Zeremonie im Reichstag ebenso teil wie Wulffs Gegenkandidat Joachim Gauck.

Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte Köhler und dessen Streitlust gegenüber der Tagespolitik. "Bundespräsident Horst Köhler hat es sich nicht leichtgemacht und der sogenannten politischen Klasse manchmal auch nicht", sagte er. Als einer der ersten habe Köhler vor der Schieflage des weltweiten Finanzmarktes gewarnt. Lammert rügte diejenigen, die sich über Köhlers offene Worte verstimmt zeigten: "Unbequemlichkeit ist freilich nur als Absichtserklärung populär - sobald die Ankündigung umgesetzt wird, hält sich die Begeisterung der Angesprochenen regelmäßig in engen Grenzen."

Lammert nahm Köhler auch in Schutz gegen den Vorwurf, er habe sein Amt allzu leichtfertig aufgegeben. "Er hat es ganz sicher nicht leichten Herzens aufgegeben, sondern weil er unter den gegebenen Umständen keine Möglichkeit mehr sah, es so auszuüben, wie es seinen eigenen Ansprüchen entsprach." Die Bürger habe Köhler in seiner unverstellten Art über seinen Rücktritt hinaus für sich eingenommen. Köhler folgte der Rede sichtlich bewegt.

 
<p>Newly sworn-in German President Christian Wulff and his wife Bettina stand on the steps of the presidential residence Bellevue palace, after a welcoming ceremony in Berlin July 2, 2010. REUTERS/Wolfgang Rattay</p>