OECD gibt Berufsausbildung gute Noten - Dennoch Defizite
Berlin (Reuters) - Trotz einer insgesamt guten Bewertung der Berufsausbildung in Deutschland sieht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) noch Handlungsbedarf.
Ein Drittel der Berufsbildungsanfänger lande in Übergangsmaßnahmen, also nicht in einer regulären Ausbildung, sagte OECD-Expertin Kathrin Höckel am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung einer Studie. Viele Schüler würden somit in "endlose Warteschleifen" geschickt, die den Staat viel Geld kosteten. "Angesichts der demografischen Entwicklung kann es sich Deutschland einfach nicht leisten, Leute unausgebildet zu lassen", warnte Höckel. Unqualifizierte hätten die "allerschlechtesten Chancen auf dem Arbeitsmarkt".
Insgesamt stehe Deutschland im internationalen Vergleich mit seinem dualen System der beruflichen Bildung aber gut da. "Die Ausbildung ist realitätsnah. Alles ist sehr positiv", sagte Höckel. Das System verbinde das Lernen im Betrieb und in der Schule und leiste einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt.
Bildungsministerin Annette Schavan sah sich durch den Bericht in ihrer Politik bestätigt. "Die berufliche Bildung ist das Flaggschiff im deutschen System", sagte Schavan. Die Jugendarbeitslosigkeit sei deshalb auch nur halb so hoch wie im internationalen Durchschnitt, nämlich unter zehn Prozent.
ZU WENIG HOCHSCHULABSOLVENTEN
Die OECD, die in der Länder-Studie erstmals die berufliche Bildung in Deutschland umfassend untersuchte, sieht indes noch zu große Barrieren für den Zugang zu einem Hochschulstudium für Menschen mit einer Berufsausbildung. Zwar gebe es dafür die Möglichkeit, sagte Höckel. "De facto nehmen aber nur sehr, sehr wenige Leute, die von der Berufsbildung kommen, dies in Anspruch." Nur 0,6 Prozent derjenigen ohne Abitur mit Berufsausbildung schaffen demnach den Weg in die Universität. Bei den Fachhochschulen sind es 1,8 Prozent.
OECD: DEUTSCHLAND HAT ZU WENIG HOCHSCHUL-ABSOLVENTEN
Problematisch sieht die OECD darüber hinaus die vergleichsweise geringe Zahl an Hochschulabsolventen in Deutschland. Zwar kletterte die Zahl der Studienanfänger 2009 auf mehr als 40 Prozent. Dies reicht nach Einschätzung der OECD aber nicht aus, um den erwarteten Fachkräftemangel aufzufangen. "Deutschland hat in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen", sagte der Leiter des OECD-Berlin-Centre, Heino von Meyer. "Es darf sich aber mit dem jetzigen Stand nicht zufrieden geben."
Trotz der Zunahme bei Studienanfängern und Absolventen bleibt Deutschland in der OECD nach der Türkei, Belgien und Mexiko das Land mit der geringsten Studienneigung. Dies könne auf breiter Front zu einem Engpass für Wirtschat und Wohlstand insgesamt werden, sagte von Meyer.
Um mehr Menschen an die Hochschulen zu bringen, schlägt die OECD vor, Kandidaten aus eher einkommensschwachen Familien gezielt über Kredite und Stipendien anzusprechen sowie Absolventen einer beruflichen Ausbildung den Zugang zu erleichtern. Die Bildungsausgaben in Deutschland kletterten in den vergangenen Jahren ebenfalls. Mit 4,7 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt lagen sie 2007 aber immer noch unter dem OECD-Durchschnitt.
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