Deutschland schafft es in Pisa-Studie ins Mittelfeld

Dienstag, 7. Dezember 2010, 15:45 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Zehn Jahre nach dem Pisa-Schock hat Deutschland im neuesten Schultest zwar deutlich aufgeholt, liegt aber weiter nur im internationalen Durchschnitt.

"Deutschland ist aufgestiegen aus der zweiten in die erste Liga, aber von der Champions League noch weit entfernt", sagte der Leiter des deutschen OECD-Büros, Heino von Meyer, am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung der neuen Pisa-Studie. Besonders Migrantenkinder haben ihre Leistungen danach verbessert. Der Schulerfolg von Kindern in Deutschland ist jedoch nach wie vor entscheidend von Wohlstand und Status ihrer Eltern abhängig. Sogar noch größeren Einfluss hat die Tatsache, ob die Schule in einer guten oder schlechten Gegend liegt. "In keinem anderen Land hat ein sozial ungünstiges Schulumfeld einen derart starken Einfluss auf die Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien", bemängeln die Autoren.

In der neuen Pisa-Studie mit dem Schwerpunkt Lesekompetenz erreicht Deutschland mit 497 Punkten knapp den Durchschnitt der OECD-Staaten, der bei 500 Punkten liegt. Deutschland verbesserte sich damit um 13 Punkte. Die Leseleistung deutscher Schüler entspricht dem Können derer in den USA, Schweden, Frankreich und Großbritannien, liegt aber deutlich hinter der Spitzengruppe aus Korea (539 Punkte), Finnland (536), Kanada (524) und Japan (520). Vor allem im Reflektieren und Bewerten bescheinigt die OECD-Studie den deutschen Schülern Schwächen. In Mathematik und Naturwissenschaften, die dieses Mal nur am Rande getestet wurden, erzielten sie dagegen überdurchschnittliche Resultate.

Migrantenkinder in Deutschland schneiden weiter deutlich schlechter ab als ihre einheimischen Mitschüler, sie holen aber auf. Ihr Rückstand liegt in der neuen Studie bei 56 Punkten, vor zehn Jahren waren es noch 84 Punkte. Eine weitere Problemgruppe bleiben die Jungen. Sie hinken 40 Punkte hinter den Mädchen her, was dem Lernfortschritt eines Schuljahres entspricht. Dieser Rückstand entspricht dem OECD-Durchschnitt. Für die Pisa-Studie 2009 wurden eine halbe Million Schüler im Alter von 15 Jahren in allen 34 OECD-Staaten sowie in 31 Partnerländern geprüft.

SCHAVAN: DEUTLICH WENIGER SCHULABBRECHER

Bundesbildungsministerin Annette Schavan begrüßte die Ergebnisse des Schultests. "Zehn Jahre Pisa-Studie haben dem deutschen Bildungssystem gutgetan", sagte die CDU-Politikerin. Die Verbesserung der deutschen Schüler sei in erster Linie ein Verdienst der Lehrer und Schulen. Aber auch die Einstellung zu Leistung und Lernen habe sich geändert, es gebe deutlich weniger Schulabbrecher und Sitzenbleiber. Nun müsse daraufhin gearbeitet werden, dass die guten Ergebnisse später auch in einen Beruf führten. Schavan verwies darauf, dass Finnland beim Pisa-Test zwar stets Spitzenplätze erreiche, die Jugendarbeitslosigkeit dort aber anders als in Deutschland dennoch extrem hoch sei.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnte vor Euphorie. Die wesentliche Verbesserung in der Lesekompetenz sei bereits zwischen den Pisa-Studien 2000 und 2006 erreicht worden. Kollektives Schulterklopfen verstelle den Blick darauf, dass noch immer fast 25 Prozent der Jungen nicht ausreichend lesen und rechnen könnten. Sie hätten keine Chance, beruflich Fuß zu fassen. Gerade wegen des drohenden Fachkräftemangels müssten jedoch alle Potenziale ausgeschöpft werden.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte Bund und Länder zu einer gemeinsamen Politik gegen die soziale Spaltung des Bildungssystems auf. Die Politik müsse sich auf soziale Brennpunkte konzentrieren, dort gezielt Angebote schaffen und mehr Schulsozialarbeiter fördern.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) begrüßte vor allem die guten Ergebnisse deutscher Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften, zeigte sich aber auch skeptisch. "Leider kommt die Verbesserung der Schulleistungen noch nicht in den Betrieben und auf dem Ausbildungsmarkt an", bemängelte BDA-Vizepräsident Gerhard Braun. Der Ausbau schulischer Ganztagsangebote müsse hoch auf der Agenda stehen, aber auch die Eltern dürften nicht aus der erzieherischen Verantwortung entlassen werden.

Der erste Pisa-Test war im Jahr 2000 veröffentlich worden und hatte wegen des schlechten Abschneidens der deutschen Schüler eine große Bildungsdebatte ausgelöst. Seither wurde mit zahlreichen Schulreformen versucht, das Bildungsniveau zu heben.

 
<p>A pupil wipes a blackboard in a German basic primary school in Berlin November 3, REUTERS/Tobias Schwarz</p>