Neuer Job führt nur jeden Zweiten aus Hartz IV

Dienstag, 14. Juni 2011, 16:02 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Selbst mit einem neuen Job gelingt nur jedem zweiten Arbeitslosen in der Grundsicherung der Ausstieg aus der Hartz-IV-Abhängigkeit.

Die Gründe dafür sind nach einer am Dienstag veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vielfältig: Nur gut die Hälfte der Jobs hält länger als sechs Monate, und niedrige Löhne reichen nicht aus, den Bedarf eines Mehrpersonen-Haushalts zu bestreiten. Sorgen macht der Bundesagentur für Arbeit (BA) auch die seit Jahren stetig steigende Zahl der Selbstständigen, die ergänzend Arbeitslosengeld II beziehen. BA-Vorstand Heinrich Alt brachte eine Leistungsbegrenzung für Selbstständige ins Spiel.

HARTZ-IV-BEZIEHER BEGINNEN ÜBER EINE MILLION REGULÄRE JOBS

Die Forscher des zur Bundesagentur für Arbeit (BA) gehörenden IAB sehen unter den Arbeitslosengeld-II-Beziehern "eine beachtliche Dynamik im Bemühen um Verringerung und Überwindung der Hilfebedürftigkeit". 2008 hätten über eine Million Hartz-IV-Bezieher aus der Arbeitslosigkeit heraus einmal oder mehrfach eine sozialabgabenpflichtige Beschäftigung begonnen. Mit 1,117 Millionen sozialversicherungspflichtigen Jobs seien auf sie 15,5 Prozent aller neuen abgabenpflichtigen Jobs entfallen. Etwa ein Viertel ihrer Stellen sei von den Jobcentern gefördert worden. Zusätzlich hätten Hartz-IV-Bezieher 565.000 Mini-Jobs neu begonnen. "Sie nahmen also trotz schwieriger Ausgangslage im Umfeld der Finanzmarktkrise in nicht unerheblichem Umfang eine Arbeit auf", schreiben die Forscher.

Allerdings reichte die Arbeitsaufnahme nur in der Hälfte aller Fälle aus, um den Hartz-IV-Bezug zumindest zeitweise zu beenden - und das, obwohl mit rund 70 Prozent Hartz-IV-Bezieher genauso häufig eine Vollzeitbeschäftigung aufnehmen wie Personen außerhalb der Grundsicherung. Entscheidend sei neben der Lohnhöhe die Anzahl der mit zu versorgenden Personen. Zwei Drittel der Alleinstehenden hätten den Sprung aus der Hartz-IV-Abhängigkeit geschafft, von den Alleinerziehenden und Paaren mit Kindern nur ein Drittel.

ANTEIL DER SELBSTSTÄNDIGEN AN AUFSTOCKERN STEIGT

Unter den erwerbstätigen Hartz-IV-Beziehern steigt die Zahl der Selbstständigen: Im Jahresdurchschnitt 2007 waren es noch 72.000, im vergangenen Jahr bereits 125.000. Sie erhalten wie abhängig beschäftigte Hartz-IV-Bezieher (2010: 1,27 Millionen) aufstockende Leistungen, wenn das Einkommen zum Lebensunterhalt nicht reicht. Jeder elfte Aufstocker ist somit selbstständig. Ihre Zahl war zuletzt weiter gestiegen, während abhängig beschäftigte Aufstocker seit Mitte vorigen Jahres weniger wurden. Im Februar registrierte die BA aber auch bei ihnen einen deutlichen Rückgang auf 118.000 nach 125.700 noch im Januar.

Warum Selbstständige auf Hartz IV angewiesen sind, haben Forscher noch nicht untersucht. "Natürlich können Selbstständige theoretisch ihr Einkommen so gestalten, dass sie in der Hilfebedürftigkeit verbleiben", sagte BA-Vorstand Alt der "Süddeutschen Zeitung". Die BA habe aber keine Erkenntnisse, ob und wie oft dies vorkomme. Bekannt ist, dass hierzulande viele aus Mangel an Alternativen den Gang in die Selbstständigkeit wagen. Arbeitslose erhalten sogar einen Gründungszuschuss.

Alt schlug vor, eine kürzere Bezugsdauer von Hartz-IV-Leistungen für Selbstständige zu prüfen: "Irgendwann muss man schwarze Zahlen schreiben oder - so weh es tut - die Selbstständigkeit aufgeben. Der Steuerzahler kann nicht auf Dauer eine nicht tragfähige Geschäftsidee mit finanzieren."