Verfassungsschutz warnt vor Nachahmern des Norwegen-Attentats

Sonntag, 31. Juli 2011, 13:53 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Der Bundesverfassungsschutz warnt nach dem Massenmord in Norwegen vor Nachahmungstätern.

Sie könnten das Vorgehen des Attentäters als Blaupause nehmen, sagte der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Alexander Eisvogel, dem "Spiegel" vom Sonntag. "Aus Sicht von Terroristen war seine Planung akribisch und sorgfältig darauf bedacht, den Sicherheitsbehörden im Vorfeld nicht aufzufallen." Dies alles habe der Attentäter in seiner Schrift tagebuchartig notiert. "Genau diese Mischung aus den Anschlägen und deren öffentlich nachlesbar genau beschriebenen Vorbereitungen macht uns derzeit die größte Sorge."

Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes handelt es sich bei dem Attentat um eine neue Form der Ausländerfeindlichkeit, die nicht mehr rassistisch, sondern mit Blick auf Kultur und Ideologie argumentiert. Die Reaktionen in der rechtsextremen Szene seien bisher allerdings zurückhaltend bis ablehnend, sagte Eisvogel. Die ideologische Mischung der etwa 1500 Seiten starken Schrift des Attentäters mit einer Mystifizierung der Tempelritter und einem Islamhass unter gleichzeitiger expliziter Ablehnung nationalsozialistischen Gedankengutes sei für deutsche Rechtsextremisten schwer verdaubar.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich wandte sich gegen eine Instrumentalisierung des Attentats mit 77 Toten. Wer kurz nach dem Vorfall Forderungen etwa nach einem Verbot der rechtsextremen Partei NPD erhebe, instrumentalisiere und missbrauche das tragische Geschehen für seine eigenen innenpolitischen Zwecke, sagte der CSU-Politiker dem "Spiegel". Nach dem Anschlag hatten SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles und SPD-Chef Sigmar Gabriel ein neues NPD-Verbotsverfahren gefordert, während der Unions-Innenexperte Hans-Peter Uhl die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung verlangte. Auch Friedrich erneuerte im "Focus" allerdings seine Forderung nach der Vorratsdatenspeicherung. Er begründete dies damit, dass sich damit etwa nach Hackerangriffen Spuren im Netz sichern ließen.

Die norwegischen Ermittler suchen unterdessen weiter nach einem Großteil der sechs Tonnen Düngemittel, die der Attentäter von Norwegen bestellt hatte. Anders Behring Breivik habe für die in Oslo detonierte Bombe nur einen Bruchteil des Ausgangsstoffes gebraucht, der Verbleib des übrigen Düngers sei unklar, berichtete der "Spiegel" unter Berufung auf ein Treffen von Terrorermittlern am Donnerstag in Brüssel. Womöglich gebe es ein weiteres Deport mit Bombenmaterial.

Breivik tötete 77 Menschen, die meisten von ihnen Jugendliche, die ein Ferienlager der Sozialdemokraten auf der Insel Utöya besuchten. Zudem zündete er eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo.